Sabanas de Pedro ist ein kleiner Ort in den Montes de María, einer Region im karibischen Norden Kolumbiens. Die Häuser sind dort mit Wellblech oder Palmblättern gedeckt. Auf dem Spielplatz vor der Dorfkirche wühlen Schweine. Zur nächsten Landstraße führen nur zwei holprige Pisten, und dennoch verfährt sich der ehemalige Paramilitär Gregorio Martínez alias Tigrillo am Abend des 1. März 2016. Der junge Mann, den er nach dem Weg fragt, kann ihn später identifizieren. Kurz zuvor soll er den Kleinbauern Hernando Pérez in dessen Wohnzimmer mit zwei Kopfschüssen getötet haben – das zumindest besagt die Anklage der Staatsanwaltschaft, wegen der Tigrillo derzeit vor Gericht steht.  

Für Tigrillo, nach sieben Jahren Haft wieder auf freiem Fuß, ist Pérez an diesem Abend das zweite Ziel. Vorher ist er auf seinem Motorrad schon bei einer Nachbarin vorbeigefahren, aber sie hatte Glück und war nicht zu Hause. Ihre Gemeinsamkeit: Beide hatten Klage eingereicht, um das Land zurückzuerhalten, von dem sie während des bewaffneten Konflikts vertrieben worden waren. 

Zu diesem Zeitpunkt stehen die Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc kurz vor dem Abschluss. Aber aus den Montes de María hatten sich die Rebellen nach heftigen Kämpfen mit der Armee schon vor mehr als zehn Jahren zurückgezogen. Hier sind nicht die Guerilleros das Problem, sondern die Armut, der Drogenhandel und die Landkonflikte, die für Morde wie den an Pérez ein Angebot und eine Nachfrage schaffen.

Im Krieg davongekommen, im Frieden erschossen

Das Land, das Pérez zurückfordert, musste er im Jahr 1993 aufgeben. Damals kontrollierten die Farc die bergige Region, die als Hochburg der kolumbianischen Landlosenbewegung gilt. Als die Polizei in Pérez' Finca einen Guerillero erschießt und zwei weitere festnimmt, die dort auf Erpressungsgeld warten, gerät er zwischen die Fronten: Beide Seiten halten ihn fortan für einen Kollaborateur. Er verkauft seinen Hof an einen der Händler, die die Notsituation der Vetriebenen ausnutzen und ihr Land zu Spottpreisen aufkaufen.

Später kommen die Paramilitärs in die Montes de María, denen damals auch Tigrillo angehörte. Um die soziale Basis der Farc zu zerstören, begehen sie insgesamt 42 Massaker, mehr als 30.000 Menschen werden vertrieben. In Sabanas de Pedro zerren sie eines Nachts vier Nachbarn von Pérez aus ihren Häusern und lassen ihre Leichen auf der Straße liegen. Daraufhin verlässt die Familie ihr Heimatdorf ganz. Erst viel später werden sie in ihr Haus zurückkehren.

Hernando del Cristo Pérez vor dem Haus, in dem sein Vater erschossen wurde. © Philipp Wesche

"In dieser Zeit gab es Tote, Massaker und Drohungen", erinnert sich der älteste Sohn von Pérez, der ebenfalls Hernando heißt. "Aber unserem Vater haben sie nie etwas getan. Und jetzt, nach der Klage, bringen sie ihn um."

Den Anspruch auf das Land haben Hernando und seine Geschwister geerbt. Nachdem auch sie bedroht wurden und Fahrzeuge ohne Nummernschilder vor ihrem Haus hielten, befinden sie sich heute in einem Schutzprogramm. Sie mussten umziehen und der Staat stellt ihnen einen Geländewagen, zwei Personenschützer und schusssichere Westen. Sie wollen die Klage auf Rückgabe ihres Landes nicht aufgeben – aber sie sorgen sich, denn es ist unklar, wie lange sie im Schutzprogramm bleiben können. "Ich habe hier keine Garantien", sagt Hernando. "Sie reden davon, uns das Land zurückzugeben. Aber es gibt keine Garantie, dass wir es je wieder bearbeiten können, wir sind dort nicht sicher. Wir fühlen uns auch heute noch als Vertriebene, stärker als vor zwanzig Jahren."

Systematische Gewalt gegen jene, die sich für den Frieden einsetzen

Der Mord an ihrem Vater ist in Kolumbien kein Einzelfall. Die Defensoría del Pueblo, die staatliche Ombudsstelle, zählt seit Januar 2016 insgesamt 186 Morde an Menschenrechtsverteidigern. Seit Abschluss des Friedensabkommens ist die Mordrate gestiegen, was die Ombudsstelle vor allem auf das durch die Demobilisierung der Farc entstandene Machtvakuum zurückführt. Und auf die Bestrebungen der anderen bewaffneten Gruppen, deren Gebiete und Anteile an Drogenhandel und illegalem Bergbau unter ihre Kontrolle zu bringen. Opfer werden die, die sich für die Rechte indigener und afrokolumbianischer Gemeinden, für Wahrheit und Wiedergutmachung oder gegen Bergbau und Kokapflanzen einsetzen.

In den Montes de María ist die Gewalt vor allem mit der Rückgabe von Land an Vertriebene verbunden. "Es gab einen Moment, da wollte niemand etwas mit Landrückgabe zu tun haben", berichtet Gilberto Pérez, der 85 Familien in einem solchen Gerichtsverfahren koordiniert. Pérez erhält Drohungen per SMS. Auf seinen Mitstreiter Argemiro Lara wurde im vergangenen Jahr ein Mordanschlag verübt. "Die Menschen hier haben immer noch Angst. Das erste, was du durch die Gewalt denkst: Mir wird das gleiche passieren, und meiner Familie."