Die Medien im europäischen Ausland sehen nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen vor allem Angela Merkel als Verliererin – und schließen sich damit der Kommentierung aus dem Inland an. Dass es ihr nicht gelungen ist, ein Bündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen zu schmieden, sei ein Zeichen ihrer schwindenden Macht, lautet der Tenor.

Merkels Politikstil des grenzenlosen Pragmatismus habe nach zwölf Jahren ein Ende erreicht. Die Neue Zürcher Zeitung sieht daher in einer Neuwahl den richtigen Weg. So schreibt die Zeitung in ihrer Onlineausgabe, Deutschland solle in Ruhe neue Wege gehen. Denn gescheitert sei das Bündnis aus Union, FDP und Grünen nicht an wesentlichen inhaltlichen Fragen. "Ob im nächsten Jahr einige Zehntausend oder einige Hunderttausend Menschen aus Flüchtlingsgebieten nach Deutschland kommen, ändert am Elend wenig, dass 68 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind oder vertrieben wurden. Und ob zwei, drei Kohlekraftwerke früher oder später abgeschaltet werden, spielt für das Weltklima keine messbare Rolle." Das Scheitern habe seinen Grund vielmehr in ideologischen Differenzen. Den beteiligten Parteien ginge es um ihre Identität, die die Parteichefs nicht bereit waren, "auf dem Altar der Machtpolitik zu opfern".

Deutschland könne sich Zeit lassen, eine starke neue Regierung zu finden, schreibt die NZZ weiter. Das Land sei wirtschaftlich, sozial und institutionell stabil. Auch eine Phase der politischen Unsicherheit würde es nicht in eine Krise stürzen. Die EU käme ebenfalls gut mit einer längeren Phase der Lösungssuche zurecht. Allerdings sei das Scheitern der Sondierungsgespräche vor allem eine Entzauberung Merkels. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Merkel die Magie der Macht abhandengekommen ist. Stattdessen stellt sich Ratlosigkeit ein." Daher müssten nun die Wähler erneut befragt werden, denn das Ereignis schaffe für sie eine gänzlich neue Ausgangslage.

"Merkel hat keine Autorität mehr"

Auch der österreichische Standard sieht in dem Scheitern der Sondierungen "eine schwere Niederlage" der Bundeskanzlerin. "Es zeigt ganz deutlich, dass sie nicht die Kraft und die Autorität mehr hat, eine Regierung für Deutschland zu bilden. Während der Verhandlungen schon wirkte sie wie eine Moderatorin, aber nicht wie die gestaltende Kraft. (…) Ganz klar: Die Chefin hat nicht geliefert. (…) Merkel ist nicht mehr die starke Kraft, die alle kleinkriegt." Nun sei auch die SPD gefragt. Denn die große Koalition sei bei der Bundestagswahl nicht abgewählt worden, sondern nur geschwächt. Das Bündnis aus CDU/CSU und SPD habe immer noch eine breite Mehrheit, weil sich die Dinge fundamental gewandelt hätten, darüber solle Martin Schulz nun noch einmal nachdenken.

Der britische Guardian geht davon aus, dass auf den Schock über das Scheitern der Sondierungsgespräche rasch eine hitzige Debatte über die politische Zukunft von Angela Merkel folgen wird. Und dass viele die Frage stellen werden, ob Merkel auch künftig die Person sein kann, die als Kanzlerin das Land regieren soll. Sie habe schon in den vergangenen Monaten zu oft eine passive Figur gemacht.  

"FDP hätte am wenigsten zu gewinnen gehabt"

Die Amsterdamer Zeitung de Volkskrant sieht für Merkel – aber auch die CDU – "schwierige Tage" anbrechen. Die Zeitung legt den Fokus stärker auf FDP-Chef Christian Lindner. Die Liberalen hätten sich nach vier Jahren, in denen sie nicht im Bundestag vertreten war, doch sowieso am liebsten in der Opposition gesehen. "Innerhalb der Partei ist die Angst groß, dass sie für die Teilnahme an einer Kompromissregierung bei der nächsten Wahl von den Wählern mindestens so schwer abgestraft werden würde wie 2013." Daher sei ihr Rückzug aus den Sondierungsgesprächen durchaus zu erklären. Die Liberalen hätten "in einer solchen Koalition am wenigsten zu gewinnen".

Die italienische Tageszeitung La Stampa sieht hingegen alle vier beteiligten Parteien geschwächt: "Vor allem die CSU ist schwach (…). Aber auch die FDP, die ihre Entscheidungen an die zahlreichen, nicht immer realistischen Wahlkampfversprechen anpassen muss. Das Gleiche gilt auf der Seite der Grünen, die bedrängt werden vom schwierigen Gleichgewicht zwischen den zwei historischen Seelen ihrer Basis und ihren pragmatischen und fundamentalistischen Anführern. Und schließlich ist die CDU schwach mit einer nach der (Bundestags-)Wahl am 24. September geschrumpften Angela Merkel (…)." Über ein Deutschland ohne handlungsfähige Regierung könne sich niemand in Europa freuen. "Für viele jedoch kann ein stabiles Deutschland Europa eine Hilfe sein, innerhalb und außerhalb seiner Grenzen, und deshalb bleibt nach dem nächtlichen Marathon in Berlin zu hoffen, dass es bald einen positiven Ausgang gibt und dass, trotz notwendiger Kompromisse, die Deutschen nicht das Vertrauen in ihr System verlieren. Ein Kurzschluss wäre nun vor allem ein riesiges Geschenk an diejenigen, die ohnehin gegen das System auf der Lauer liegen: die der extremen rechten und neopopulistischen Alternative für Deutschland."

"Macron fehlt nun ein Partner für seine Projekte"

Die französische Wirtschaftszeitung Les Echossieht in dem Scheitern der Sondierungsgespräche hingegen ein noch nie da gewesene Krise für Europa. "In den vergangenen Jahren war die Europäische Union von der Führung Angela Merkels geprägt, die gleichzeitig vom wirtschaftlichen Erfolg ihres Landes und dem Mangel an politischen Figuren auf ihrem Level profitierte. Emmanuel Macron, der Europa mit Angela Merkel neu ankurbeln wollte, findet sich so in der ersten Linie wieder, aber ihm droht ein Schlüssel-Partner für seine Projekte zu fehlen. Europa, das aus einem Jahrzehnt Finanz- und Wirtschaftskrise kommt und gerade den Weg des Wachstums wiedergefunden hat, muss nun Monate der Unsicherheit durchqueren", schreibt die Zeitung.

Auch die französische Tageszeitung Le Monde sieht in dem Scheitern eine schwere politische Krise, unter der das europäische Projekt leiden könnte. "Berlin hatte die Wahl von Emmanuel Macron beklatscht und das französisch-deutsche Tandem schien wieder im Sattel zu sitzen: Alle Hoffnungen waren erlaubt. (...) Deutschland ist nicht nur die größte Volkswirtschaft der EU, es ist auch der Stabilitätspol der Union und der notwendige Partner Frankreichs im gesamten europäischen Projekt. Die deutschen politischen Verantwortlichen müssen sich dieser Verantwortungen bewusst werden."

Die Financial Times spricht von Merkels "schlimmster politischer Krise".

Unterdessen hat das Aus für die Jamaika-Sondierungsgespräche den Euro unter Druck gesetzt. Am Morgen kostete die Gemeinschaftswährung 1,1735 US-Dollar und damit rund einen halben Cent oder ein halbes Prozent weniger als vor dem Bekanntwerden des Abbruchs. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Freitag auf 1,1795 Dollar festgesetzt. Die Reaktionen an der Börse werden von internationalen Finanzmedien allerdings als wenig kritisch beurteilt. Wirtschaftsexperten im In- und Ausland sehen den Euro nicht nachhaltig gefährdet. Wegen der robusten Wirtschaftslage in Deutschland und der guten Kursentwicklung sei nicht mit einem starken Abstürzen zu rechnen. Allerdings könnte eine Neuwahl eine längere Hängepartie bedeuten, die nicht nur Deutschland und den EU-Raum, sondern die ganze EU betreffen könnte.