Als das Flugzeug von Saad Hariri in Riad landete, war dem Regierungschef des Libanon sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Kein offizieller Repräsentant des Königreiches war am Airport erschienen. Am nächsten Morgen wurde der irritierte Gast sofort zu Kronprinz Mohammed bin Salman zitiert. Stunden später verlas der sichtlich gestresste libanesische Milliardär im saudischen Fernsehen seinen Rücktritt. Der Text war gespickt mit für ihn untypischen Hieben gegen den Iran und gegen die Hisbollah – mit der er seit einem Jahr am Kabinettstisch sitzt.

Inzwischen ist klar: Die schmähliche Demission fern der Heimat wurde von Saudi-Arabien erzwungen. Nach amerikanischer und britischer Lesart wird Hariri an der Rückkehr in den Libanon gehindert. Möglicherweise steht er unter Hausarrest. Denn Saudi-Arabien will dem kleinen Mittelmeer-Anrainer jetzt Hariris älteren Bruder Bahaa als Regierungschef oktroyieren. Er hat wenig politische Erfahrung, dafür umso mehr Aversionen gegen die Hisbollah.

Eine Woche lang schwieg Washington zu dem merkwürdigen Treiben. Dann mahnten Außenministerium und Weißes Haus gemeinsam, die Souveränität des Libanon müsse respektiert werden. Sie titulierten Saad Hariri demonstrativ als Premierminister und lobten ihn als hochgeachteten Partner der Vereinigten Staaten. Das war eine harsche Replik für das befreundete Saudi-Arabien, die sich gleichzeitig an den Iran richtete.

Für die Zukunft der Region bedeutet die jüngste Eskalation nichts Gutes. Zwar ist der "Islamische Staat" (IS) militärisch nahezu besiegt, zwar geht der syrische Bürgerkrieg unter russisch-iranischen Vorzeichen seinem Ende entgegen – doch statt der ersehnten Befriedung des Nahen Ostens näher zu kommen, rüsten sich alle Parteien für neue Konflikte.

Als Erstes versuchten die Kurden, ihre Beteiligung an dem IS-Feldzug gegen Mossul per Referendum in eine faktische Unabhängigkeit vom Irak umzumünzen. Dabei sollten auch umstrittene Gebiete wie das ölreiche Kirkuk einverleibt werden. Eine entschiedene Kurzoffensive der irakischen Armee und interner Zwist unter den Kurden machten dieses Vorhaben vorerst zunichte. Doch der Keim ist gesetzt. Als Nächstes werden die syrischen Kurden probieren, sich aus ihrem ramponierten Staatsverband zu lösen.

Verbissener Kampf gegen iranischen Einfluss

Auch der Irak, seit 40 Jahren im Dauerkrieg, ist nach dem IS-Debakel nur noch ein Schatten seiner selbst. Auf 100 Milliarden Dollar schätzt Ministerpräsident Haidar al-Abadi allein die Schäden durch die Terrormiliz. Beim arabischen Nachbarn Jemen haben sich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate in einen Krieg gegen den iranischen Einfluss verbissen, den sie nicht gewinnen können. Der Jemen erlebt mittlerweile, ebenso wie Syrien, eine der derzeit größten humanitären Krisen des Planeten.

Somit ist nicht Saudi-Arabien, sondern die Islamische Republik Iran der eindeutige Gewinner der Doppelkatastrophe von "Islamischem Kalifat" und syrischem Bürgerkrieg. Noch nie war die Vormacht der Schiiten ihrem Ziel einer durchgängigen Machtachse von Teheran bis Beirut so nahe wie jetzt. Durch den Atomvertrag konnte die 80-Millionen-Nation ihre Paria-Rolle und die meisten internationalen Sanktionen abstreifen.

Dagegen hinterließ das dreijährige "Kalifat" des IS im sunnitisch-arabischen Islam mit Saudi-Arabien an der Spitze eine beispiellose Selbstzerstörung. Das ideologische Gift für diesen historischen Niedergang wurde ausgerechnet in der Heimat des Propheten Mohammed angerührt, als das saudische Königshaus nach der fatalen Entweihung von Mekka 1979 den wahhabitischen Fundamentalisten freie Hand versprach.

Politische und kulturelle Katastrophe

Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien dämonisierten ihre Missionare fortan die eingesessene, vor Ort verwurzelte Religiosität als verdorben und unislamisch. Und die Ölmilliarden vom Hofe Al-Saud sorgten dafür, dass diese aggressive Intoleranz bis in jeden Winkel der Erde getragen wurde. Vor drei Jahren kehrte sie als mörderische Ideologie in den Nahen Osten zurück: 30.000 religiöse Fanatiker aus über hundert Nationen ließen sich vom "Islamischen Staat" als Gotteskrieger rekrutieren.

Das saudische Königshaus begreift jetzt endlich, welche politische und kulturelle Katastrophe es angerichtet hat. Plötzlich will der ebenso allmächtige wie sprunghafte Thronfolger Mohammed bin Salman alles auf einmal anpacken. Den ultrakonservativen Klerus in seinem Land kritisierte er kürzlich so deutlich wie niemand vor ihm; seitdem schweigen die frommen Herren betreten und warten auf ihren Zeitpunkt zum Gegenschlag. Dem strategischen Machtgewinn des Erzrivalen Iran versucht Saudi-Arabien auf allen Schauplätzen gleichzeitig zu begegnen.

Jemen, Irak und Syrien liegen bereits in Trümmern. Der Libanon hat sich durch den Konsens seiner Eliten bisher mühsam den Frieden bewahrt. Doch der brachiale Einmischungskurs des saudischen Kronprinzen könnte nun auch den Zedernstaat ins Wanken bringen.


In einer früheren Version des Artikels hieß es, der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi schätze die von der Terrormiliz IS verursachten Schäden auf eine Milliarde Dollar. Richtig ist, dass er die Kosten auf 100 Milliarden Dollar schätzte. Wir haben dies geändert und bedauern den Fehler.