In die Syrien-Diplomatie kommt Bewegung. Am Dienstag versammelt UN-Vermittler Staffan de Mistura, der sich selbst gern als "chronischen Optimisten" ironisiert, die Kriegsparteien erstmals seit Monaten wieder in Genf.

Anders als bei den sieben Nullrunden zuvor reist die Opposition diesmal mit einer gemeinsamen Delegation an, in die neben dem lange tonangebenden Istanbuler Flügel auch Exilvertreter aus Kairo und Moskau eingebunden sind. Syriens Regierungsvertreter werden voraussichtlich erst am Mittwoch nach Genf reisen, wie aus regierungsnahen Kreisen bekannt wurde. Das syrische Regime weiß sich auf der Siegesstraße und sah bisher keinen Grund für Kompromisse.

Doch das könnte sich bald ändern. Denn wie weit sich die Unterhändler von Baschar al-Assad in der nächsten Zeit bewegen müssen, das wird nicht in Genf, sondern in Sotchi entschieden. Am kommenden Wochenende reisen alle Seiten weiter zu Wladimir Putin ans Schwarze Meer, um dort mit Russland, Iran und der Türkei über eine mögliche Nachkriegsordnung zu verhandeln. Anschließend geht es zurück in die Schweiz. Denn mögliche Ergebnisse von Sotchi brauchen die internationale Legitimierung durch Genf, wenn sie am Ende tragen sollen.

Tag für Tag bombardiert Assad sein Volk

Zudem haben die Zwillingsrunden von Sotchi und Genf eine innere und äußere Dimension. In Syrien ist der "Islamische Staat" militärisch so gut wie besiegt, in fast allen wichtigen Landesteilen hat das Assad-Regime die Oberhand. Die bewaffneten Rebellen sind im Schwinden. Trotzdem setzt die Armee des Regimes weiterhin auf Offensive, bombardiert Tag für Tag die eigene Bevölkerung – selbst in den so genannten Deeskalationszonen wie der Ghouta-Region östlich von Damaskus. Die Tyrannei der Hungerenklaven ist ebenfalls ungebrochen, hier und da etwas gelockert, aber im Prinzip unverändert brutal.

Gebiete des IS in Syrien und Irak

September 2015: Maximale Ausbreitung des IS
 Gebiete unter Kontrolle
 Gebiete mit Unterstützung

November 2017:
 Rückzugsgebiet des IS*

Im Äußeren sind die USA und Europa auf der globalen Ebene faktisch ausgeschieden und überlassen in der Syrien-Diplomatie jetzt allein Russland das Feld. Bei den Vorgesprächen in Sotchi waren die USA nicht dabei. Erst im Nachhinein informierte Putin US-Präsident Donald Trump per Telefon. Unter den Regionalmächten geben Iran und Türkei den Ton an, während Saudi-Arabien die Aufgabe bleibt, die chronisch zerstrittene syrische Opposition neu aufzustellen und bei der Stange zu halten. Die Türkei hat ihr Ziel, Assad zu stürzen, aufgegeben und möchte den Krieg im Nachbarland beenden. Iran würde am liebsten weiterkämpfen, während der Kreml-Chef vor den russischen Präsidentenwahlen im März 2018 seinem Volk zumindest einen Teilabzug der Streitkräfte präsentieren will. Nach dem territorialen Aus des IS geht es Moskau vor allem darum, Syrien als Staat zu erhalten, die eigene Militärpräsenz langfristig zu sichern und das Land nicht vollends den iranischen Feldherren zu überlassen.

Und so lässt Russland seit Monaten durchblicken, dass es nicht sklavisch an Assad hängt. Auch der moderate Teil der iranischen Führung hat dessen Einsatz von Giftgas mehrfach scharf kritisiert. Und die Opposition in ihrer neuen, pluraleren Gestalt könnte sich ebenfalls für die unmittelbare Nachkriegszeit mit irgendeiner Form von Assad-Intermezzo abfinden. 

Der Druck auf das Regime wächst

Insofern wächst der Druck auf das Regime, sich endlich zu bewegen. Assads Leute werden alles versuchen, ihrem Diktator die unangefochtene Macht möglichst lange zu sichern. Doch der einzige äußere Verbündete dafür ist noch das religiös-konservative Establishment im Iran. Russland und die Türkei wollen einen Schlussstrich unter das Kriegsdrama ziehen, nähmen dafür eine gewisse Assad-Übergangsfrist in Kauf, mehr jedoch nicht.

Und UN-Vermittler Staffan de Mistura wird nicht müde zu betonen, dass nur eine Machtbeteiligung der Opposition und eine politische Transformation weg vom bisherigen Assad-Staat die Tür öffnen kann für eine allmähliche Rückkehr zum Frieden und eine internationale Beteiligung am Wiederaufbau. Andernfalls blieben Syriens Regime, Iran und Russland nach dem Ende der Kämpfe auf den 300 Milliarden Euro Kriegsschäden sitzen, und alle drei sind nicht in der Lage, eine solche Megalast zu schultern. 

Auch wenn sich die militärische Machtarithmetik in Syrien mehr und mehr fixiert: Konturen einer stabilen Nachkriegsordnung zeichnen sich bisher nicht ab. Niemand kann heute sagen, wie die Bevölkerung des kriegszerstörten Syriens wieder zusammenfinden soll. Es wird Jahrzehnte dauern, bis die Wunden abklingen. Abertausende Regimeopfer sind spurlos verschwunden oder in Gefängnissen eingesperrt.

Untereinander herrschen Hass und Misstrauen

Die meisten Flüchtlinge in den umliegenden Nahoststaaten oder in Europa werden nicht zurückkehren, solange Assad und sein Apparat an der Macht sind. Auch unter den im Land gebliebenen Menschen hat sich so viel Hass und Misstrauen aufgestaut, dass ein Zusammenleben in einer gemeinsamen Nation undenkbar erscheint. Schnelle Fortschritte sind also nicht zu erwarten. Sollten Genf und Sotchi in den nächsten Wochen einen völligen Waffenstillstand erreichen, wäre das nach fast sieben Jahren Blutvergießen eine wichtige Zäsur. Der Krieg in Syrien wäre zu Ende. Der Frieden aber ist noch unendlich fern.