Amina Okujewa war vermutlich sofort tot: Ein Kugelhagel, der die Karosserie des Autos durchlöcherte. Ihr Mann, selbst von einem Schuss getroffen, trat das Gaspedal durch und konnte so überleben. Aber für seine Beifahrerin war es da schon zu spät.

Die Gewalt ist ein ständiger Wegbegleiter in der Ukraine, auch fernab der 500 Kilometer langen Frontlinie im Donbass. Seit Juli 2016 sind allein in Kiew mindestens acht Menschen bei politischen Attentaten, durch Schüsse oder Autobomben, getötet worden. Okujewa wurde Ende Oktober auf dem Heimweg außerhalb der ukrainischen Hauptstadt ermordet, vermutlich von prorussischen Attentätern, die die Putin-Gegnerin, die auch auf dem Maidan demonstrierte, schon mehrfach bedroht hatten.

Fast auf den Tag genau vier Jahre nachdem auf dem Maidan die ersten Demonstrationen begannen, ist der Ausnahmezustand in der Ukraine also in Teilen immer noch Normalität. Damals, am 21. November 2013, hatte sich der Präsident Viktor Janukowitsch geweigert, das EU-Assoziierungsabkommen trotz mehrfacher Ankündigungen zu unterzeichnen. "Ich gehe auf den Maidan – wer kommt mit?", schrieb damals der Journalist Mustafa Najem auf Facebook. Tausende Menschen taten es ihm gleich – und die proeuropäische Bewegung, die später zum Sturz des Präsidenten Janukowitsch führen sollte, begann.

Kiew hat sich seither verändert. Die Zeltstadt ist abgebaut, die Demonstranten sind abgezogen. Manche von ihnen, wie jener Mustafa Najem, sitzen heute im Parlament. Haben sich die Hoffnungen erfüllt, die damals Hunderttausende Menschen auf den Kiewer Unabhängigkeitsplatz trieben, die monatelang und bei eisigen Temperaturen ausharrten, um für eine Reform der Regierung und ein Ende der Korruption zu demonstrieren? Hat der Euromaidan die Ukrainer tatsächlich näher an die EU gebracht?

Nicht nur eine Annäherung an die EU, sondern gar ein "neues Leben" hatte der Nachfolger von Janukowitsch, Petro Poroschenko, bei seinem Amtsantritt als Präsident versprochen. Einen würdigen Alltag, in dem man nicht mehr den Arzt oder die Polizisten schmieren muss. Janukowitsch, der Inbegriff der Kleptokratie, packte im Februar 2014 seine Koffer und flog mit dem Helikopter aus Kiew. Der Präsident floh, die Korruption blieb. Und nach der Revolutionsrhetorik hatte in der Ukraine das mühsame Klein-Klein der Reformen begonnen.

Reformer sind erfolgreich

In Kiew ist Peter M. Wagner so etwas wie der Mann aus Brüssel. Der gebürtige Baden-Württemberger und studierte Politologe leitet seit zwei Jahren die Support Group for Ukraine der EU, eine Art Brückenkopf zwischen der EU-Kommission und den ukrainischen Behörden. Ein Team von 40 EU-Beamten soll in der Ukraine und von Brüssel aus helfen, die Ukraine zu reformieren. Insgesamt hat die EU dafür für den Zeitraum zwischen 2014 und 2017 elf Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Hat das Geld etwas gebracht?

Es ist kein Geheimnis, dass man in Brüssel mit dem Reformfortschritt unzufrieden ist. Immer noch werden viele Abgeordnete im ukrainischen Parlament von Oligarchen kontrolliert. So konnten viele Neuerungen wie das Antikorruptionspaket erst mit vereinten Kräften von Reformern, Aktivisten und westlichen Partnern durchgebracht werden. Kaum beschlossen, gab es aber schon wieder Versuche, die neuen Regeln zu sabotieren. Vollendete Reformen waren oft ein Verdienst der erwachten ukrainischen Zivilgesellschaft. Gerade deswegen plädiert Wagner dafür, die erzielten Resultate nicht kleinzureden. "Dass es immer wieder Rückschläge gibt, ist unbestritten", sagt er, "aber es gibt dennoch zahlreiche Reformer, die etwas vorantreiben wollen und damit erfolgreich sind."