Investitionen in die Zukunftsperspektiven für junge Afrikaner – das stand auf der Gipfel-Agenda der Vertreter von EU und Afrikanischer Union ganz oben. Wie sie gelingen können, wissen Zilla Mary Arach aus Uganda und Peter Kariuki aus Ruanda. In ihrer Heimat haben die 25-Jährigen Start-ups gegründet – Software für Kleinbauern und eine Art Uber-App für Motorrad-Taxis. Dafür wurden sie mehrfach ausgezeichnet, in Deutschland sind sie Teil des Young Founders Programm der Westerwelle-Stiftung. Im Interview sprechen sie darüber, was große internationale Entwicklungsabkommen falsch machen und was junge afrikanische Gründer für die Weiterentwicklung ihrer Unternehmen wirklich brauchen.

ZEIT ONLINE: Deutschland und Europa versprechen den afrikanischen Ländern eine neue Partnerschaft – darum ging es jetzt auch auf dem EU-Afrika-Gipfel in Abidjan. Woher kommt der Wille zum Neubeginn?

Peter Kariuki (25) ist Mitgründer und Technischer Direktor (CTO) von SafeMotos aus Kigali, Ruanda – eine Art Uber für afrikanische Motorrad-Taxis. SafeMotos gibt es seit 2014, die Firma versucht mit einer App die Arbeit der Mototaxi-Fahrer zu professionalisieren. Sie erreichen mehr Kunden und können über die App bestellt werden. © Florian Gaertner/photothek.net

Peter Kariuki: Ein wichtiger Grund ist die Migrationskrise. Menschen verlassen ihre Heimat, weil sie dort keine Perspektive sehen. Also muss man ihnen Perspektiven geben. Die Europäer haben das plötzlich unmittelbar erlebt, weil die Migranten buchstäblich vor ihrer Tür standen. In 80 Jahren wird die Hälfte der Weltbevölkerung afrikanisch sein. Als Deutscher oder Europäer kann man das als Chance sehen. Wenn man kooperiert, gewinnt man einen starken Partner für die Zukunft.

Zilla Mary Arach: Wenn die neuen Pläne sich stärker auf Gründer und Unternehmer fokussieren, geht es in die richtige Richtung. Entwicklungshilfe und Wohltätigkeit sind nichts Schlechtes. Aber es bringt mehr, ein Start-up zu unterstützen, das den Menschen Arbeitsplätze bietet. Meine Fragen zu solchen Plänen wären: Wie werden sie umgesetzt? Wird direkt mit einer Regierung kooperiert, oder gibt es öffentlich-private Partnerschaften?

ZEIT ONLINE: Was halten die jungen Unternehmer in Ruanda und Uganda von den Versprechen eines Neuanfangs?

Zilla Mary Arach (25) ist Mitgründerin und Technische Direktorin (CTO) von Akorion Company Limited, einem Unternehmen mit Sitz in Kampala, Uganda. Akorion wurde 2015 gegründet. Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, die Bauern hilft, den Überblick über ihre Erträge und Ausgaben zu behalten. So können sie besser planen und kommen leichter an Kredite und landwirtschaftliche Betriebsmittel oder neue Märkte. © Michael Gottschalk/photothek.net

Arach: Entscheidend ist, ob ein Programm mehr Jobs schafft. Auf dem Papier haben wir haben schon gute Konzepte gesehen, aber es kommt auf die Umsetzung an. Werden noch mehr korrupte Funktionäre bestochen, und das Geld geht unterwegs verloren? Oder profitieren die Menschen tatsächlich? Es geht auch um angemessene Arbeitsplätze, in denen die Leute ihre Fähigkeiten nutzen können oder die Möglichkeiten neuer Märkte über die Grenzen des Landes hinaus: Haben wir da die gleichen Voraussetzungen wie europäische Firmen?

ZEIT ONLINE: Es sei eine schlechte Idee, einen Plan für einen ganzen Kontinent zu entwerfen, hat der deutsch-kongolesische Philosoph Boniface Mabanza über den deutschen Marshallplan mit Afrika gesagt. Wie lassen sich Lösungen für die sehr unterschiedlichen Probleme in sehr unterschiedlichen Ländern finden?

Kariuki: In der Vergangenheit gab es immer wieder Menschen, die ganz Afrika retten wollten. Es wäre besser, sie investierten in Systeme, die es den Afrikanern ermöglichen, ihre eigenen Lösungen zu finden. Ein großer Plan für alle wird vermutlich nicht funktionieren. Ich widerspreche aber der grundsätzlichen Absicht nicht: Probleme anzugehen ist eine noble Idee, Lösungen können aber unterschiedlich aussehen.

Arach: Es ist gut, ein Ziel zu haben, aber man muss auch wissen, wie man es erreichen kann. Es gibt in Afrika sehr unterschiedliche Länder mit ganz unterschiedlichen Kulturen und Möglichkeiten, ob in der Politik oder in der Technologie. Was in Uganda funktioniert, wird in Kenia nicht unbedingt klappen. Der große Rahmen muss eine Umgebung schaffen, in der Afrikaner afrikanische Probleme lösen. Wenn die Fähigkeiten dazu fehlen, sollte die Partnerschaft mit europäischen Ländern sie versuchen aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es noch immer so ein großes Problem für internationale Kooperationen, diesen Ansatz von unten umzusetzen? Wie können Erfahrungen und Ideen besser ausgetauscht werden?

Arach: Es geht eher um Vertrauen. Nichts ist in Stein gemeißelt, wir sollten uns auf das konzentrieren, was am besten funktioniert. In vielen Organisationen kommen die besten Ideen aus der Arbeitsebene. Das sollte auch bei internationaler Kooperation so sein. Die Programme sollten nicht das Denken für die Afrikaner übernehmen, sondern ihnen ermöglichen, eigene Lösungen zu finden.

Kariuki: In vielen Ländern Afrikas ist das Staatswesen kaputt. Wer dort Geld hineingibt, handelt wie jemand, der einen Eimer mit löchrigem Boden füllen möchte. Ohne eine funktionierende öffentliche Verwaltung aber kann nicht viel entstehen. Auch Start-up-Gründer brauchen einen funktionierenden Staat. Ich hätte meine Firma nirgendwo anders als in Ruanda gründen können, weil es hier 15 Minuten dauert, ein Unternehmen zu registrieren. Die Regierung unterstützt die Unternehmer, es gibt Sicherheit, Zugang zum Internet und ein gutes Bildungssystem.