Am vorigen Freitag ermordeten mutmaßliche IS-Terroristen mehr als 300 Männer und Jungen während des Freitagsgebets in der Moschee von Bir al-Abed im Nord-Sinai. Es ist der bislang tödlichste Anschlag von Dschihadisten in Ägypten. Attentate, meist gegen koptische Kirchen und Angehörige der Sicherheitskräfte, hat es in jüngerer Zeit auch an der westlichen Wüste, in Kairo und Alexandria gegeben – trotz massiver militärischer Gewalt und staatlicher Repression.

Die Zahl der politischen Gefangenen in Ägypten wird von Menschenrechtsorganisationen mittlerweile auf bis zu 60.000 geschätzt. Darunter befinden sich Demokratieaktivisten, Journalisten, vor allem aber Anhänger der Muslimbruderschaft. Bürgerrechtsorganisationen im Land müssen immer wieder Razzien über sich ergehen lassen, Anwälte und Researcher werden oft die Reisepässe abgenommen. 

Auch Mohamad Lotfy, ehemals Researcher und Prozessbeobachter für Ammnesty International, erhielt im Juni 2015 ein Ausreiseverbot, als er in Berlin an einer Veranstaltung der Grünen über die Lage der Menschenrechte in Ägypten teilnehmen wollte. Lotfy darf inzwischen wieder reisen. Heute ist er Direktor der "Egyptian Commission for Rights and Freedoms" (ECRF), die er mitgegründet hat. Auch das Büro der ECRF wurde mit Schließung bedroht und durchsucht.

ZEIT ONLINE: Wie hat die Öffentlichkeit nach dem Massaker in Bir al-Abed im Nord-Sinai reagiert? Und wie reagieren die Leute auf die Ankündigung der Regierung, mit "größtmöglicher Härte" gegen den Terror vorzugehen?

Lotfy: Hier macht sich Depression breit. Es gab diese enorme Aufbruchstimmung 2011 und dann –das muss man klar sagen – noch einmal 2013 (nach dem Sturz des gewählten Präsidenten und Muslimbruders Mohamed Morsi durch Massenproteste und Armee). Aber jetzt herrschen Depression und Zynismus. Nicht nur wegen des jüngsten Anschlags im Sinai. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, die Inflation ist hoch. Es gibt also weder wirtschaftliche Besserung noch Sicherheit – die beiden Sachen, die Präsident Sisi bei seiner Wahl versprochen hatte.

ZEIT ONLINE: Wie können Leute ihre Kritik oder Opposition zur Regierung noch äußern?

Lotfy: Sehr schwierig. Man bekommt es in Gesprächen auf der Straße und ein wenig in den sozialen Medien mit. Die Menschen haben natürlich Angst, ihre Meinung zu sagen. Aber das Versagen der Regierung ist allen offensichtlich. Womöglich traut sich die Opposition im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2018 wieder hervor. Gleichzeitig ist die Furcht groß, dass dies eine neue Welle der Repression provoziert.

Im April 2018 sollen in Ägypten Präsidentschaftswahlen stattfinden. Amtsinhaber Abdel Fattah al-Sisi hat seine Kandidatur bislang nicht erklärt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass er eine zweite Amtszeit anstrebt. Prominentester Konkurrent ist bislang Ahmed Shafik. Shafik war Premierminister in der Übergangszeit nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak, verlor 2013 die Präsidentschaftswahlen gegen den Vertreter der Muslimbrüder, Mohamed Mursi, und ging danach ins Exil in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Shafik plante vor wenigen Tagen seine Rückkehr nach Ägypten, wurde nach eigenen Angaben jedoch von den VAE an der Ausreise gehindert. Die VAE gelten neben Saudi Arabien als größte Unterstützer des Sisi-Regimes.

ZEIT ONLINE: Was wissen Sie über die aktuelle Situation im Nord-Sinai und besonders in Bir al-Abed?

Lotfy: Es ist derzeit fast unmöglich, eigenständig Informationen im Nord-Sinai zu sammeln. Der Zugang ist durch Armee und Sicherheitskräfte gesperrt. Jedenfalls für unabhängige Journalisten und Beobachter. Ich habe es das letzte Mal im April 2014 versucht und musste umkehren. Klar ist, dass die Regierung nur eine Strategie hat: größtmögliche Gewalt. Und wenn es dann den nächsten Anschlag gibt, führt das nicht etwa zum Umdenken. Sondern zu noch mehr militärischer Gewalt.

ZEIT ONLINE: Der IS findet auf dem Sinai auch Rückhalt bei Beduinenstämmen, die seit Jahrzehnten diskriminiert werden. Nach dem Massaker von Bir el-Abed haben einige Stammesführer nun zum Kampf gegen den IS aufgerufen. Glauben Sie, dass dieser Anlass die Beduinen geschlossen mobilisieren könnte?

Lotfy: Das bezweifle ich. Solche Appelle gab es immer wieder. Die Beduinen im Nord-Sinai werden seit jeher ökonomisch ausgegrenzt. Sich für die eine oder andere Seite als Kämpfer zu verdingen, ist eine, oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Davon profitieren sowohl die IS-Dschihadisten von Wilayat Sinai als auch staatliche Sicherheitskräfte, die Beduinenmilizen bezahlen. Oftmals verdingen sich Mitglieder ein und desselben Stammes auf beiden Seiten der Front.

Es wäre ja dringend nötig, beim Kampf gegen den Terrorismus auch über einen anderen Umgang mit den Stämmen auf dem Nord-Sinai zu reden. Aber die meisten, die als Experten und Vermittler infrage kämen, also Aktivisten aus dem Nord-Sinai selbst, sitzen im Gefängnis.

Die Sinai-Halbinsel, lange von Israel besetzt, ging 1982 als Folge des ägyptisch-israelischen Friedensschlusses wieder an Ägypten zurück. Die Beduinen, von Kairo immer schon als Bürger dritter Klasse betrachtet, wurden in den folgenden Jahren massiv diskriminiert und als "Kollaborateure der Juden" denunziert, weil viele Stämme sich mit der israelischen Besatzung arrangiert hatten. Während der Süden des Sinai zu einer Touristenhochburg ausgebaut wurde, blieb der Norden ökonomisch ausgegrenzt. Eine Einnahmequelle war der Schmuggel durch Tunnel zum Gaza-Streifen. Diese Tunnel wurden von ägyptischer Seite weitgehend zerstört, ebenso zahlreiche Häuser von Beduinen, um eine Pufferzone zum Gaza-Streifen zu schaffen.