Der Postbote strahlt begeistert, als er mir das Paket in die Hand drückt. "Das ist das Letzte. Das war’s. Ich hör auf, geh wieder zurück nach Polen", sagt er. "Da gibt es auch gute Jobs. Und sie zahlen wieder besser. Warum soll ich hier bleiben?" Schon dreht er sich um. Ich rufe ihm überrascht hinterher, aber er läuft schon beschwingten Schrittes zu seinem Lieferwagen von Parcelforce.

Weihnachten 2017. Auch er wird nach den Feiertagen im Januar nicht wieder auftauchen – wie so viele Polen, Tschechen und Ungarn. Sie kommen einfach nicht wieder. 

Seit der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 kommen immer weniger Menschen aus den osteuropäischen Ländern nach Großbritannien. Waren es vor 2016 noch 42.000, sind es heute nur noch 8.000. Obwohl der Brexit noch nicht einmal in Kraft getreten ist, ist die Netto-Zuwanderung nach Großbritannien aus den alten EU-Mitgliedsländern um ein Drittel gesunken, wie auch die Einwanderung insgesamt. Weltweit hat Großbritannien als Arbeitsmarkt und Lebensumfeld an Attraktivität verloren. Vor allem EU-Bürger, die nach Großbritannien kommen, um dort nach einem Job zu suchen, bleiben weg – ein Problem für Branchen, die in Großbritannien auf einen stetigen Strom von ausländischen Arbeitern angewiesen sind. 

Dazu zählen das Hotel- und Gaststättengewerbe, die Landwirtschaft, das Gesundheitssystem und die Industrie. 

"Unsere Industrie bildet nicht genügend Lehrlinge aus. Die Unternehmer verlassen sich seit Jahren auf Facharbeiter aus der EU", sagt Tony Burke, Sprecher der Gewerkschaft Unite. "Unsere Automobilindustrie, Luftfahrttechnik, unser Ingenieurwesen brauchen diese hoch qualifizierten Fachkräfte. Bis die notwendigen Fachkräfte hier ausgebildet wurden, vergehen Jahre", sagt er.

Unternehmen bangen um ihre Fachkräfte

Seit den Thatcher-Jahren fehlt in Großbritannien ein funktionierendes Lehrlingssystem. Erst in den letzten Jahren wurde wieder ein mit Deutschland oder der Schweiz vergleichbares System aufgebaut, was aber nicht annähernd so gut angenommen wird wie in Deutschland. Lehrlinge, Facharbeiter, Ingenieure genießen nicht die Anerkennung, an die sie in Kontinentaleuropa gewöhnt sind. 

Burke schimpft auf die Verhandlungspolitik der britischen Regierung. "Wenn die Leute ihre Zukunft nicht planen können, gehen sie wieder nach Hause, oder kommen gar nicht erst", sagt er. Immer wieder führe er Gespräche mit Gewerkschaftsmitgliedern, die nach Polen, Tschechien oder Slowenien zurückkehrten. Die erste Welle von Arbeitern tauchte nach den Sommerferien nicht mehr auf. Nach Weihnachten werde der Trend stärker, ist er sich sicher. 

Auch in der verarbeitenden Industrie ist man besorgt. Schon ohne den Brexit fehlen der Branche Fachkräfte. Bei BMW in Großbritannien setzt man sich nach anfänglichem Zögern mittlerweile für den Verbleib des Landes in der Zollunion und im Binnenmarkt ein. Im Extremfall könnten allein bei BMW bis zu 1.000 hoch qualifizierte Facharbeiter aus Osteuropa nicht mehr zurückkommen. Aber selbst wenn nur einige Hundert von ihnen kündigten, wäre die Situation ernst.

Der deutsche Automobilkonzern bildet seine Lehrlinge, Facharbeiter und sogar Studenten in Oxford, selber aus. So soll sichergestellt werden, dass sie den deutschen Qualitätsanforderungen genügen. An der Business School Oxford Brookes bietet BMW in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Regensburg den Bachelor Studiengang Business und Automotive Management an.