Die Briten verlieren die Lust am Brexit. Darauf deuten zumindest aktuelle Umfragen hin, zuletzt etwa die des Meinungsforschungsinstituts BMG Research für die Zeitung Independent. Die remainer legen bereits seit dem Sommer zu, das leave-Lager verliert dagegen beständig. Dieser grundsätzliche Trend hat sich in den letzten Wochen noch einmal verstärkt.

Die Entwicklung ist nicht verwunderlich. Erst jetzt wird in Großbritannien detaillierter über die Sachfragen des EU-Ausstiegs diskutiert. Die Brexit-Verhandlungen zwingen die Regierung in London, nicht mehr nur ideologische Phrasen zu dreschen, sondern sich den hochkomplexen Fachfragen zu stellen und Lösungen aufzuzeigen. Die Briten werden also mit der Realität des Brexit konfrontiert.

Je komplizierter die Brexit-Verhandlungen, desto mehr erkennen die Engländer, dass an der EU mehr dran ist, als ihnen von der Regierung seit Jahrzehnten vorgegaukelt wurde: Brüssel wird plötzlich nicht mehr nur als ein Ort unnützer Bürokratie gesehen. Stattdessen wird deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Waren und Dienstleistungen grenzüberschreitend gehandelt werden. Dass Fachleute, Wissenschaftler und Studenten ohne Weiteres im Ausland arbeiten, forschen und studieren können. Und dass in Nordirland, in Schottland und im Norden Englands von der EU Infrastrukturprojekte finanziert werden. Auch zeigt sich, dass viele Regeln des Arbeitnehmerschutzes aus Brüssel kommen und dass der Umweltschutz von dort eingefordert wird. Kurzum: Die Briten merken, dass man für die Milliarden, die nach Brüssel gezahlt werden, auch etwas erhält.

Einen solchen Stimmungsumschwung hatte die britische Regierung verhindern wollen. Premierministerin Theresa May hätte die Verhandlungen gern hinter geschlossener Tür geführt, damit nicht deutlich wird, wie unsinnig der Brexit eigentlich ist. Je mehr nun aus den Verhandlungen an die Öffentlichkeit dringt, desto mehr lernt die britische Bevölkerung dazu.

Der Brexit wird kommen

Hinzu kommt, dass sich die EU-Mitgliedsländer bisher nicht wie vom leave-Lager prognostiziert gegeneinander ausspielen lassen. Der Staatenverbund bricht nicht auseinander, wie beispielsweise Nigel Farage immer behauptete. Von dem ehemaligen Parteichef der Brexit-Partei Ukip ist ohnehin kaum noch etwas zu hören. Auch die lautstarken Vertreter in der Regierung, die der Bevölkerung den Brexit mit wilden Behauptungen verkauften, sind still geworden.

Das hat gute Gründe. Patienten, die vergeblich auf Arzttermine in Krankenhäusern warten, wissen zum Beispiel, dass der Brexit nicht die Millionen bringen wird, die der heutige Außenminister Boris Johnson für das Gesundheitssystem NHS versprochen hat. Bei der Sicherheit ist klar, dass die Sparpolitik weitergehen wird. Zumal Großbritannien seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU teilweise wird nachkommen müssen. Von der Behauptung von Johnson, die EU könne auf das Geld pfeifen, ist deswegen nichts mehr zu hören. 

Dennoch: Die Briten werden den Brexit kaum rückgängig machen. Das hat auch mit der Stimmung im Königreich zu tun. Denn wenn sich eine knappe Mehrheit mittlerweile gegen den Brexit ausspricht, bedeutet das auch, dass die Unterstützung eines Austritts nach wie vor groß ist. May trägt dies und das Brexit-Votum als Rechtfertigung ihrer Regierungspolitik vor sich her. Eine Abkehr würde sie unter den leave-Befürwortern als Verräterin dastehen lassen. Eine zweite Volksabstimmung ist auch deswegen schwer vorstellbar.

Das Land aber ist tief gespalten. Ob man für oder gegen den Austritt ist, hängt stark von Bildung ab, von gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Die Fronten verlaufen durch alle Schichten: Arbeitslose Familien, abhängig von Sozialhilfe, hoffen ebenso auf den Brexit wie englische upper-class-Anwälte und erzkonservative Reiche, die der Utopie eines neoliberalen Staates anhängen. Gleichzeitig kämpfen Unternehmer und Banker aus rationalen, wirtschaftlichen Gründen für einen Verbleib in der EU, genauso wie idealistische Jugendliche, die dem Traum der United States of Europe anhängen.