Die britische Regierung brauchte mehr als 550 Tage, um sich von den Illusionen zu verabschieden, die sie selbst geschaffen hatte. Nichts anderes bedeutet der Durchbruch in den Brexit-Verhandlungen.

In dem 15 Seiten langen Dokument, das die EU-Kommission und die britische Regierung gemeinsam vorgestellt haben, lässt sich das Punkt für Punkt nachlesen. Die Briten zahlen die Scheidungsrechnung in der von der EU erwarteten Größenordnung, sie erkennen die Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofes für EU-Ausländer in ihrem Land an, sie akzeptieren, dass Nordirland an die Regeln des EU-Binnenmarkts "angeglichen" bleibt, "bis es spezifische Lösungen" gibt. Natürlich ist das alles in fein ziselierter, diplomatischer Sprache verfasst. Doch es ist nicht viel übrig geblieben von den roten Linien, die die britische Regierung in den letzten eineinhalb Jahren gezogen hat.

Hybris der Brexiteers

Illusionen aber sterben nicht an einem Tag. Sie haben ein zähes Leben. Die spezifische Illusion der Brexiteers besteht darin, zu glauben, man könne den Europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen und gleichzeitig seine Vorteile genießen.

Boris Johnson, britischer Außenminister und einer der führenden Brexiteers, hat das einmal in Abwandlung eines englischen Sprichwortes so zusammengefasst: "Du kannst durchaus den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig essen!" Da schwingt ein ordentlicher Rest imperialen Bewusstseins mit: Großbritannien kann alles haben, weil es Großbritannien ist! Unser Land ist viel kleiner, als es mal war, aber wir sind noch immer einmalig und unverzichtbar! Die Neigung, sich selbst zu überschätzen, haben die Brexiteers gewiss nicht verloren – auch wenn sie in den vergangenen eineinhalb Jahren immer wieder gegen eine Wand gelaufen sind. Und wie ein zäher, ermüdender Nebel wird genau das durch alle kommenden Verhandlungen wabern.

So wie es aussieht, werden die 27 Mitgliedsstaaten der EU bei ihrem Gipfel am 14. und 15. Dezember der Empfehlung der Kommission folgen und den Startschuss für den zweiten Teil der Verhandlungen geben. Dann beginnt die wirkliche Arbeit. Fischerei, Flugrechte, Forschung, Sicherheit – Sektor für Sektor werden die Verhandler nun durchgehen müssen.

Idealtypische Bedingungen für Rosinenpicker

Es lässt sich leicht vorstellen, wie es ablaufen wird. Die Beamten der EU werden sagen: "So können wir das sauber trennen!" Ihr britisches Gegenüber wird fragen: "Seid ihr denn sicher? Ist es wirklich sinnvoll, einen klaren Schnitt zu machen? Wollt ihr euch das nicht noch einmal überlegen? Es lief doch eigentlich ganz gut in dem Bereich!" Sektor für Sektor werden sie testen, ob sie die EU nicht doch in Versuchung bringen können, da und dort Zugeständnisse zu machen. Sektor für Sektor werden die britischen Unterhändler versuchen, die Einheit der 27 auf die Probe zu stellen. Es wird ein harter Kampf.

Bis zum heutigen Tag ist die EU ja erstaunlich geschlossen aufgetreten. Eine unbestreitbare Leistung, die vor allem einen Grund hat: Der Brexit wurde vor allem auf der großen, offenen Bühne ausgehandelt. Jedes Nachgeben der EU hätte das Publikum als Niederlage interpretiert, als Zeichen der Schwäche gegenüber einer ohnehin vom Tode bedrohten Union. Diesen Eindruck wollten die 27 – aus purem Überlebenswillen – unbedingt vermeiden.

Nun aber verlässt der Brexit die große Bühne und wird ein Thema für kleinere Runden. Gerungen wird ab jetzt an vielen kleineren Konferenztischen, irgendwo in den Tiefen des Berlaymonts, dem Sitz der EU-Kommission, weitab von den Scheinwerfern, weitab von einem Publikum, das andere, größere Sorgen haben wird. Es sind geradezu idealtypische Bedingungen für Rosinenpicker. EU-Chefunterhändler Michel Barnier sagte, als der Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen erzielt wurde: "Ich warne davor, die Schwierigkeiten zu unterschätzen, die vor uns liegen!" Ganz zu Recht.