Nichts wollen die künftigen EU-Ratsherren dem Zufall überlassen. 3.000 Überwachungskameras leuchten fast jeden Winkel in Bulgariens Hauptstadt Sofia aus. Die Schlaglöcher an den Ausfallstraßen zum Flughafen sind ausgebessert. Die Pferde- und Eselskarren sollen aus dem Stadtbild verschwinden. Selbst der nationale Kulturpalast, lange ein baufälliger Bunker, wurde für 22,5 Millionen Euro rechtzeitig modernisiert. Doch an diesem Großprojekt lässt sich nicht nur der Willen der Regierung erkennen, das Land herauszuputzen. Sondern auch das größte Problem Bulgariens: die Korruption. Gegen den früheren Palastdirektor hat die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Missbrauchs von staatlichen Mitteln mittlerweile Ermittlungen eingeleitet.

Für sechs Monate wird Bulgarien aus der Peripherie der europäischen Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt rücken. Elf Jahre nach dem Beitritt zur EU wird das Land am 1. Januar 2018 erstmals die EU-Präsidentschaft übernehmen. Mit gespannter Nervosität harrt der ärmste Staat in Europas kriselndem Wohlstandsbündnis der Premiere: Nicht nur die rechtsnationale Regierung in Sofia, sondern auch viele Bewohner des Balkanstaats erhoffen sich von der Präsidentschaft eine Aufbesserung des Rufs als Europas Armenhaus.

57 Prozent vertrauen der EU

Dafür hat die Regierung nicht nur Schlaglöcher ausbessern lassen, sondern sich auch vorgenommen, mit "Konsens, Konkurrenz und Kohäsion" zur "Sicherheit, Stabilität und Solidarität" in der EU beizutragen. So heißt es in der floskeligen Schlagwortbotschaft zum EU-Ratsvorsitz. Die sechs Monate sollen unter dem Motto stehen: "Einigkeit macht stark."

Für Bulgarien selbst bedeutet Einigkeit bisher, dass es sich nicht gegen die großen und bestimmenden Länder in der EU gestellt hat. Seit dem EU-Beitritt vor elf Jahren bemüht sich das Land um Harmonie mit Brüssel und vor allem Berlin. Laut Eurobarometer sagen 57 Prozent der Bulgaren, dass sie der EU vertrauen – nach Litauen der höchste Wert unter den noch 28 Mitgliedsstaaten.

Dabei ist die Bilanz durchwachsen. Als Habenichts trat Bulgarien 2007 der EU bei – und dümpelt elf Jahre später noch immer am Ende fast aller Sozialstatistiken. Auch satte Wachstumsraten von rund drei Prozent, eine Arbeitslosigkeit von unter sechs Prozent und eine Staatsschuld von weniger als 30 Prozent haben die Massenauswanderung aus Bulgarien nicht verhindern können. Fast ein Fünftel seiner Bevölkerung hat das Land in den vergangenen 25 Jahren verloren. Und den überwiegend Älteren, die geblieben sind, droht die Armut: Mit Durchschnittsrenten von 170 Euro pro Monat kommen Rentner selbst in Bulgarien kaum über die Runden.

Autobahnen, Schienen, Häfen

Andererseits ist im Großraum Sofia, aber auch in anderen Großstädten wie Plowdiw, Burgas oder Warna der Lebensstandard im vergangenen Jahrzehnt spürbar gestiegen. Längst hat nicht nur die IT-Branche Bulgarien als Land hochqualifizierter, aber günstiger Arbeitskräfte entdeckt. Neue Autobahnen, Schienentrassen, Häfen und Metrolinien zeugen von den mit EU-Hilfe erzielten Fortschritten. Aber viele Bulgaren plagt das ungute Gefühl, dass ihr Land die Chancen des EU-Beitritts schlechter genutzt hat als andere. Das benachbarte Rumänien hat dank eines viel stärkeren Wirtschaftswachstums in der EU-Statistik immerhin schon zu Kroatien aufgeschlossen.

Dazu kommt der Eindruck vieler Bulgaren, gelegentlich von den reicheren Staaten stiefmütterlich behandelt zu werden. So bleibt Bulgarien beispielsweise die erhoffte Aufnahme in die Schengen-Zone verwehrt. Dabei hat es mit Unterstützung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex die EU-Außengrenzen abgeriegelt. Obwohl die technischen Voraussetzungen erfüllt sind und sich auch Brüssel für die Schengen-Aufnahme starkmacht, stehen vor allem die Niederlande, aber auch Deutschland einer bulgarischen Erweiterung der Schengen-Zone weiterhin reserviert gegenüber: Es sind Bulgariens als korrupt berüchtigte Grenzbeamte, die bei westlichen EU-Partnern die Furcht vor einer Aufweichung der Grenzen nähren.