Carles Puigdemont war noch nicht mal in Katalonien an diesem Wahltag, trotzdem hat er über alle Kritiker triumphiert: Bei den vorgezogenen Neuwahlen ist sein Bündnis zweitstärkste Kraft geworden. Der von Madrid abgesetzte Regierungschef führt das aus drei Parteien bestehende Unabhängigkeitslager an.

Die Separatisten haben ihre Parlamentsmehrheit verteidigt und könnten weiterregieren. Das Ergebnis ist eine kleine Sensation. Und eine große Niederlage für Puigdemonts Gegner, den konservativen spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Puigdemont wird nun seinen Machtanspruch in Katalonien erneuern. Er hat versprochen, im Falle eines Wahlsiegs aus dem Exil in Brüssel zurückzukehren und das Projekt der Unabhängigkeit von Spanien weiter voranzutreiben.

"Die katalanische Republik hat über die Monarchie der Zwangsverwaltung gesiegt", rief Puigdemont in Brüssel seinen Anhängern zu – eine Anspielung auf den spanischen Staat, der die Separatisten in Katalonien zuletzt mit allen juristischen Mitteln bekämpft hatte. "Puigdemont President" war am Donnerstagabend auch auf den Wahlkampfveranstaltungen seines Wahlbündnisses in Barcelona zu hören.

Von einem "besorgniserregenden Ergebnis" sprachen dagegen Rajoys Leute in Madrid. Die Katalonien-Frage wird zum unlösbaren Problem für den Premier, der eigentlich ebenso gerne Schwierigkeiten aussitzt wie Angela Merkel. Rajoy hat alle Unabhängigkeitsbestrebungen kompromisslos mit juristischen Mitteln bekämpft – und dann gehofft, dass es eine "schweigende Mehrheit" der Katalanen gibt, die wegen der sich eintrübenden Wirtschaftslage und fehlender europäischer Unterstützung zermürbt gegen die Separatisten aufbegehrt.

Weit gefehlt. Mit seiner harten Politik hat Rajoy viele Katalanen nur noch weiter vom Zentralstaat entfernt, wie das Wahlergebnis zeigt. Man muss sich das mal vorstellen: Die Regierung in Madrid stellt Katalonien unter Zwangsverwaltung und erzwingt Neuwahlen des Regionalparlaments. Eine klare Mehrheit von 80 Prozent der Wahlberechtigten nimmt daran teil – und 48 bis 51 Prozent der Wähler entscheiden sich laut erstem Auszählungsstand für die erneute Konfrontation mit der Regierung in Madrid. Rajoys konservative Partei, in Katalonien traditionell schwach, wird zudem auch noch mit einem historisch schlechten Ergebnis von nur zwei Prozent der Stimmen bestraft.

Nicht alle wollen die Spaltung

Die zentralspanische Regierungspartei sollte nun den Dialog suchen: Nicht alle, die am Donnerstag für Puigdemont und seine Mitstreiter stimmten, wollen auf jeden Fall weg von Spanien. Viele wünschen sich einfach eine andere Politik, einen besseren Finanzausgleich, von dem das reiche Katalonien profitieren könnte, weniger Korruption, mehr Anerkennung für die eigene katalanische Kultur. Wenn darüber endlich mal ernsthaft gesprochen würde, könnte das Separatistenlager schnell auseinanderfallen.

Doch auch die Unabhängigkeitskämpfer sollten wegen ihrer neu errungenen Mehrheit nicht übermütig werden. Die meist gewählte Partei in Katalonien ist die der liberalen Unabhängigkeitsgegner der Ciudadanos. 25 Prozent  stimmten für die wirtschaftsfreundliche Partei, die versprochen hat, dem "Wahnsinn" der Unabhängigkeitsbestrebungen ein Ende zu setzen. Auch die Sozialisten gewannen dazu – insgesamt wählten 43 Prozent der Katalanen eine Partei, die die Abspaltung von Spanien definitiv nicht will.

Weitere sechs Prozent stimmten für linke Formationen, die nicht dezidiert für die Unabhängigkeit sind. Die Befürworter der Einheit haben zwar keine Parlamentsmehrheit, aber sie sind eben auch fast genauso zahlreich wie die Gegner. Neue Pläne zur abrupten Ablösung vom Mutterland würden die katalanische Gesellschaft nur noch mehr verstören, die offensichtliche Spaltung weiter vertiefen.

Zumal völlig unklar ist, wie sich das Separatistenlager in Zukunft aufstellen will. Puigdemont hält sich in Brüssel auf, weil in Spanien ein Haftbefehl wegen Rebellion auf ihn ausgestellt ist. Sein bisheriger Vize, Oriol Junqueras von den separatistischen Linksrepublikanern, sitzt schon in Madrid in Untersuchungshaft. Beide werden sich der Justiz nicht so einfach entziehen können.

Zwischen den starken Männern im Separatistenlager gibt es außerdem Streit. Es geht um Macht und Einfluss, und da Puigdemont überraschend stärker abschnitt als Junqueras, dürfte der Konkurrenzkampf so schnell nicht beendet sein. Und dann ist da noch die linksradikale Partei CUP, die bei den Wahlen nur vier Sitze errang, die von den Separatisten im Parlament aber weiter als Mehrheitsbeschaffer gebraucht wird. Während Puigdemont Rajoy noch zum Dialog aufruft, ist die CUP bereits der Ansicht, dass die katalanische Republik beschlossene Sache ist.

Katalonien steht also eine politisch ungewisse Zeit bevor. So schnell wird sich keine neue Regionalregierung bilden. Schon gibt es erste Stimmen, die nach gescheiterten Gesprächen im Separatistenlager auf ein "transversales Bündnis" hoffen, eine Formation, die gemäßigte Separatisten und Einheitsbefürworter verbindet und Reformen erarbeiten lässt. Andere halten das für utopisch. Klar ist aber: Im Katalonien-Konflikt bräuchte es nach den vielen Konfrontation dringend ein paar Versöhner.