Das UN-Tribunal zum früheren Jugoslawien lässt den Suizid des bosnisch-kroatischen Ex-Kommandeurs Slobodan Praljak von unabhängigen Experten untersuchen. Die Ermittlungen sollten sich auf interne Vorgänge beim Gerichtshof konzentrieren und Empfehlungen für künftige Verfahren ausarbeiten, teilte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag mit. Die Untersuchung solle in der kommenden Woche beginnen und interne Sicherheitsmaßnahmen und Abläufe überprüfen. Ergebnisse sollen noch vor Jahresende veröffentlicht werden.

Der 72-jährige Praljak hatte am Mittwoch kurz nach seiner Verurteilung zu 20 Jahren Gefängnis eine giftige Substanz eingenommen und starb später. Der Richter Hassan Jallow werde die Ermittlungen zu dem Suizid leiten, die "den vorliegenden Vorgang bewerten" sollen, erklärte das Tribunal. Die unabhängigen Ermittlungen sollen jene der niederländischen Staatsanwaltschaft ergänzen. Diese will unter anderem die Ergebnisse der Autopsie des Leichnams auswerten. Die Behörden hatten Ermittlungen wegen Beihilfe zum Suizid und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet.

Mostar - Bosnische Kroaten trauern um Praljak Hunderte Menschen haben im bosnischen Mostar Slobodan Praljaks gedacht. Der ehemalige General war vom UN-Kriegsverbrechertribunal zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte daraufhin Gift genommen. © Foto: Dado Ruvic / Reuters

Unklar ist derzeit, wie es Praljak gelingen konnte, das Giftfläschchen trotz der strengen Sicherheitsauflagen in das Gericht zu bringen. Ebenso wenig ist bekannt, wie Praljak an die fragliche Flüssigkeit kommen konnte. Praljak hatte am Mittwoch zunächst lautstark protestiert, als der ICTY in dem Berufungsverfahren die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn bestätigte. Dann zückte er ein braunes Fläschchen und trank den Inhalt aus.

Zunächst wurde das Verfahren fortgesetzt, doch dann rief der Anwalt Praljaks: "Mein Mandant sagt, er habe Gift genommen." Das Verfahren wurde unterbrochen, der Verurteilte wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zeit später starb. Es war das letzte Verfahren vor dem Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien, der zum Jahresende nach fast 25 Jahren seine Tätigkeit einstellt.

Praljak und die fünf Mitangeklagten mussten sich in dem Berufungsverfahren wegen Kriegsverbrechen im bosnisch-kroatischen Krieg von 1993 bis 1994 verantworten, der während des Bosnien-Krieges  aufgeflammt war. Praljak hatte sich 2004 gestellt. Die sechs Männer wurden 2013 verurteilt. Praljak war unter anderem für schuldig befunden worden, im November 1993 die Zerstörung der alten Brücke von Mostar aus osmanischer Zeit angeordnet zu haben. Dadurch sei der muslimischen Zivilbevölkerung "unverhältnismäßig großer Schaden" entstanden, urteilten die Richter im ersten Prozess.