Flüchtlinge auf dem Weg vom nigrischen Agadez nach Libyen. Um dorthin zu gelangen, müssen sie durch die Sahara fahren. © Joe Penney/Reuters

Zurück in Bremen. Auf dem Couchtisch der Aktivisten liegt ein kleines, altmodisches Handy mit einer Sim-Karte, mit der man günstig nach Afrika telefonieren kann. Dorette Führer wählt die 00227, die Vorwahl von Niger. Ihre Mitstreiter dort fahren zurzeit die Route von Agadez nach Norden ab und versuchen, die Bewohner der Dörfer entlang der Piste für die Idee eines Notruf- und Rettungsdienstes zu gewinnen. Die freiwilligen Helfer wollen eine Pick-up-Flotte aufbauen, die ausrückt, sobald ein Notruf eingeht. Denn die meisten Fahrer, die Flüchtlinge auf den Ladeflächen ihrer Autos durch die Wüste bringen, tragen Satellitentelefone bei sich. Diese Telefone könnte man orten und so Verunglückte aufspüren. Helfer von IOM spüren schon heute auf diese Weise hilflose Menschen in der Wüste auf. "Menschenleben in der Wüste zu retten wird wichtiger als jemals zuvor", sagt Giuseppe Loprete von IPM Niger.

Am anderen Ende der Leitung rauscht und knackt es, man hört Kinderstimmen. Dann meldet sich Ibrahim Manzo, Führers Kontaktmann in Agadez. Manzo ist Journalist, er arbeitet für unabhängige Magazine und Radiosender. Seit Jahren beobachtet er die Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Norden durch Agadez kommen. Bittet man ihn, zu beschreiben, was er zurzeit dort erlebt, dann sagt er: "Überall wird kontrolliert. Agadez ist zu Europas Grenze geworden."

Manzo erzählt von einem riesigen Parkplatz, auf dem Dutzende Pick-ups stehen, die die Behörden konfisziert haben. Von Fahrern, die im Gefängnis sitzen, weil sie Flüchtlinge nach Norden mitnahmen: "Die letzten Fahrer, die verhaftet wurden, mussten zwischen 300.000 und 700.000 westafrikanische Franc zahlen, das sind zwischen  500 und 1.000 Euro."

In den vergangenen Monaten habe es etliche Gerichtsverhandlungen gegeben. Die meisten Fahrer seien zu drei bis fünf Jahren Haft verurteilt worden, erzählt Manzo. Möglich wären sogar 30 Jahre, die Höchststrafe, die seit Kurzem jenen droht, die Flüchtlinge befördern. Das Gesetz trat offiziell 2015 in Kraft, angewendet werde es aber erst seit dem Herbst 2016, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Niger besuchte.

Stämme im Süden sollen Grenzwächter werden

So entsteht mitten in Afrika und Tausende Kilometer vom Mittelmeer entfernt die dritte Abwehrzone Europas. Schon seit 2012 unterstützt die EU Niger und Mali darin, Grenztruppen aufzubauen. Vordergründig sollen sie Terrorismus und Drogenschmuggel bekämpfen. Doch letztlich geht es darum, Migration zu verhindern.

Seit Februar ist dafür eine Spezialeinheit aus Soldaten und Polizisten der sogenannten G5-Sahelstaaten im Einsatz – aus Mali, Niger, Mauretanien, Burkina Faso und Tschad. Rund 5.000 Grenzschützer sollen Flüchtlinge aufhalten, die Richtung Libyen fahren. Die EU unterstützt die Truppe mit 50 Millionen Euro. Deutschland und Frankreich wollen eine Art Trainingszentrum für die Grenzschützer einrichten. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linkspartei hervor.

In Rom hat man sich derweil offenbar an König Idris erinnert und übernimmt die Methode des früheren libyschen Monarchen. Wie Idris damals will Italien jene Völker, die die Region diesseits und jenseits der libysch-nigrischen Grenze beherrschen, als Grenzwächtern gewinnen. Im Frühjahr lud Außenminister Marco Minniti Vertreter der Tuareg, Tubu und Awlad Suleiman nach Rom ein. Dort schlossen sie ein Friedensabkommen und verabredeten, die 5.000 Kilometer lange Grenze gemeinsam zu bewachen. Dafür will Italien ihnen helfen, die lokale Wirtschaft zu entwickeln. Rom will außerdem die neuen gemeinsamen Grenzschutzeinheiten ausbilden.

Ibrahim Manzo bestreitet nicht, dass es Kriminelle in der Wüste gibt, die Drogen, Waffen oder Menschen schmuggeln. Doch wer diesen Weg verschließt, treibt die Flüchtlinge auf noch gefährlichere Routen und blockiert eine zentrale Wirtschaftsader im Niger.

Noch vor wenigen Jahren wurden die Wüstenpisten kaum kontrolliert. Fahrer und Spediteure transportierten Waren von der libyschen Grenze bis in den dichter besiedelten Süden von Niger und nahmen auf dem Rückweg Menschen mit. Viele der Spediteure, erzählt Ibrahim Manzo, seien früher zugleich Touristenführer gewesen. Sie entstammten angesehen Familien aus Agadez, die einen Ruf zu verlieren hätten. Er nennt sie Passeure. Sie seien nicht einfach nur Schleuser, sondern auch eine Art Reiseveranstalter, die ihrerseits Chauffeure beschäftigen – Fahrer.

Flüchtlinge auf dem Weg von Agadez an die libysche Grenze © Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

"Doch heute werden Passeure und Chauffeure kriminalisiert und ins Gefängnis gesteckt. Ihre Familien haben kein Einkommen mehr", sagt Manzo. Im Mai hätten etwa 200 Passeure vor dem Gouverneur in Agadez gegen die Kontrollen demonstriert. Es brachte ihnen nichts.

Die Menschentransporte fahren trotzdem weiter nach Norden. Nur sind es jetzt andere Leute, die ins Geschäft einsteigen. Sie fühlten sich nicht mehr verantwortlich für ihre Kunden, sagt Manzo. "Es werden immer mehr Menschen einfach in der Wüste ausgesetzt." Um den Kontrollen zu entgehen, wichen die Transporte in unwegsameres Gelände aus. Manche versuchten ihr Glück inzwischen sogar auf Umwegen über den Tschad, die noch gefährlicher seien.

Wie viele Menschen auf diesen Routen sterben, weiß niemand genau. Es sei schwer, die Toten zu zählen, sagt Manzo. Aber allein die Tatsache, dass die Fahrer nicht mehr im Konvoi führen, sondern manchmal nur zu zweit, sei ein Indiz für die gestiegene Gefahr. Denn in der Wüste ist es überlebenswichtig, in möglichst großen Gruppen zu reisen. Nur so kann man sich schützen, wenn es zu Unfällen, Pannen oder Überfällen durch Banditen kommt.

Wer ersetzt Einkommen aus Menschenschmuggel?

Während die Flüchtlinge sich auf immer gefährlichere Wege wagen, verschärft sich im ohnehin armen Agadez die wirtschaftliche Lage. Seit in den Neunzigerjahren Touristen in der Wüste entführt wurden, seit Terroristen von Mali aus versuchen, im Niger Fuß zu fassen, gibt es keine Touristen mehr in der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt. So lebt Agadez heute fast ausschließlich von Flüchtlingen, die dort einen Zwischenstopp machen, das Nötigste einkaufen und ihre Weiterfahrt organisieren.

Die EU will den Transporteuren und Bewohnern von Agadez alternative Einkommensquellen erschließen. Das Geld soll in Bildung und Landwirtschaft fließen, auch in Bauprojekte. Doch wie genau das funktionieren könnte und ob es für die Menschen zum Leben reicht, ist nicht klar.

Ibraim Manzo sagt: "Von dem Geld haben wir noch nichts gesehen. Wir haben unsere Namen auf Listen geschrieben, um von der Förderung zu profitieren. Vor Kurzem sollen die ersten Familien etwas bekommen haben. Aber sie standen nicht auf den Listen." Manzo glaubt nicht, dass das Geld dort ankommt, wo es am ehesten helfen könnte.

Im Mittelmeer, in Libyen und im Niger zeigt sich: Alle neuen Abwehrmaßnahmen, die die Europäer vorantreiben, konnten die Flüchtlingswanderung nicht beenden, sondern bestenfalls verlangsamen. Stattdessen etablieren sich noch unsicherere Routen: hochgefährliche Wege durch die Sahara abseits der halbwegs sicheren Trassen. Neue Mittelmeertransits von Tunesien nach Italien. Und nicht einmal die Nachrichten von Flüchtlingssklavenmärkten in Libyen halten die Verzweifelten ab. Libysche Kontaktleute bestätigten ZEIT ONLINE, dass wieder verstärkt Boote von der libyschen Nordküste ablegen: diesmal von Al-Chums und Garabulli aus, zwei Küstenstädten östlich von Tripolis.

Mitarbeit: Paul Blickle, Andreas Prost, Julian Stahnke

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