Im Souterrain eines Wohnhauses in Bremen beugen sich Dorette Führer und Olaf Bernau über eine Straßenkarte von Afrika. Bernau fährt mit dem Finger über ein Land am südlichen Rand der Sahara: Niger, dreimal so groß wie Deutschland. Bernau tippt auf eine Stadt im Herzen des Landes. Agadez. Dort wollen sie ihre Notrufzentrale errichten, eine Wache für die Wüste.

120.000 Menschen leben in Agadez. Die Stadt war einst ein beliebtes Reiseziel für Wüstentouristen aus Frankreich und Deutschland. Heute ist sie ein Knotenpunkt der Migrationsrouten von Westafrika nach Europa. Tausende beginnen dort ihre Reise ins vermeintliche Glück. Viele führt sie direkt in Not und Elend. Oder in den Tod.

Bernau und Führer gehören zu Afrique Europe Interact, einem Netzwerk aus etwa 150 afrikanischen und europäischen Aktivisten, die versuchen, etwas gegen das Sterben zu tun. Bekannt wurden sie 2014, als sie das Alarmphone einrichteten, eine Art ehrenamtliche Notrufhotline für Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Nun wollen sie auch in der Wüste Menschen retten, mit dem Alarmphone Sahara.

Transitrouten von Westafrika nach Libyen

Von Agadez kommen die Flüchtlinge über die libysche Grenze. Die Schleuserdienste sind unter den Stämmen genau aufgeteilt: Tebu und Tuareg organisieren die Einreise über die Südgrenze. Die Tebu bringen die Flüchtlinge dann nach Sabha, die Tuareg kontrollieren den Weg nach Mursuk. Von dort geht es weiter zum Mittelmeer.

Bernau folgt mit dem Finger der Straße von Agadez in Richtung Norden, eine Wüstenpiste, die nach Libyen führt. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen verdursten jedes Jahr auf dieser Strecke, hier sterben nach dem Mittelmeer die meisten Menschen auf dem Weg nach Europa.

Gerade haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union mit ihren afrikanischen Kollegen in Abidjan in der Elfenbeinküste getroffen. Die Europäer haben versprochen, mehr Geld in afrikanische Staaten zu schicken, um jungen Menschen dort eine Perspektive zu bieten. Im Gegenzug sollen sich die afrikanischen Staaten verpflichten, ihre Grenzen stärker zu bewachen und Menschenschmuggler härter zu bestrafen.

In Niger geschieht das schon. Seit einigen Monaten patrouillieren nigrische Polizisten und Soldaten entlang der Route, die Bernau auf seiner Karte mit dem Finger abgefahren ist. An den Wasserstellen hat die Regierung Kontrollposten eingerichtet. Seither ist die Zahl der Durchreisenden gesunken.

Etwa 5.500 Flüchtlinge kämen zurzeit pro Monat durch Agadez, sagt Giuseppe Loprete von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Niger. Vor einem Jahr seien es ebenso viele gewesen – jede Woche. Doch noch immer machten sich Tausende Menschen aus den Ländern West- und Zentralafrikas auf den Weg. Viele glaubten, was ihnen die Schleuser in ihren Heimatdörfern erzählten, sagt Loprete: Dass man drei Tage bis Libyen braucht und fünf bis Italien. Dass die Wüste nur 15 Kilometer breit sei und das Mittelmeer ein Fluss.

Und sie glauben an ein Versprechen, das Europa der Welt gegeben hat.

Europas Versprechen

Nirgendwo gibt es so viele Gesetze, die die Würde und die Freiheit der Bürger schützen, wie in Europa: die Europäische Menschenrechtskonvention, die Genfer Flüchtlingskonvention und die europäische Grundrechtecharta. Diese Versprechen bilden einen der Grundpfeiler, auf denen der Wohlstand und die Hegemonie des Westens seit der Nachkriegszeit ruhten, sagt der Historiker und Flüchtlingsforscher Philipp Ther. Ohne diese Versprechen "würde der Westen viel verlieren und müsste sich auf das Feld der puren Machtpolitik zurückziehen".

Als 2015 mehrere Hunderttausend Flüchtlinge in Richtung Europa aufbrachen, verließen sie sich auf diese Versprechen.

Seither hat sich der öffentliche Diskurs völlig verändert. Nicht mehr von Flüchtlingen ist jetzt die Rede, sondern von wohlstandsbedrohenden Wirtschaftsmigranten. Nicht mehr von freiwilligen Rettern, sondern von Menschenschiebern.

Und während in Brüssel, Abidjan und den Hauptstädten Europas weitschweifig diskutiert wird, wie man Fluchtgründe in Herkunftsländern bekämpfen könnte, sind die Regierungen der Europäischen Union längst damit beschäftigt, neue Abwehrzonen gegen fast alle zu errichten, die nach Norden wandern.

Die erste dieser Abwehrzonen zieht sich durchs zentrale Mittelmeer. Die zweite reicht von der Mittelmeerküste bis in die Sahara; sie umfasst unter anderem den zerfallenen Staat Libyen. Die dritte Zone erstreckt sich bis hinein in die Herkunfts- und Transitländer der Flüchtlinge, bis nach Niger zum Beispiel. Menschenrechte und Flüchtlingskonventionen gelten dort wenig – dunkle Geschäfte mit zweifelhaften Partnern dafür umso mehr.