Am letzten Tag des Wahlkampfs in Katalonien taten die Unabhängigkeitskämpfer etwas für sie sehr ungewöhnliches: Sie verließen ihre Hauptstadt Barcelona und reisten am Dienstag ins ihnen so verhasste Madrid. Vor der Strafanstalt Estremera, in der staubigen Ebene vor der spanischen Hauptstadt, luden die Linksrepublikaner zum Kampagnenhöhepunkt.

Am Donnerstag wird in Katalonien gewählt und hinter den Gefängnismauern sitzt seit dem 2. November ihr Anführer Oriol Junqueras, früher Vizeministerpräsident von Katalonien. Nach der halben und laut spanischer Verfassung illegalen Unabhängigkeitserklärung der Region im Oktober war der 48-Jährige in Untersuchungshaft genommen worden. Der Vorwurf: Rebellion, Flucht- und Wiederholungsgefahr.

Junqueras' Unterstützer bemängelten vor dem Gefängnis also die "politische Justiz" Zentralspaniens. Junqueras sei ein friedlicher Mann, sagte seine Stellvertreterin Marta Rovira; er habe immer dafür gearbeitet, dass die Region Katalonien ein "vereintes Volk" gründen könne, außerhalb von Spanien, versteht sich.

Heimliche Interviews

Doch der zentralspanische Regierungschef Mariano Rajoy lässt die abtrünnige Region im Nordosten Spaniens nicht gehen. Er hat sie vielmehr mit Hilfe der spanischen Verfassung unter Zwangsverwaltung gestellt und zur Klärung der Lage Neuwahlen des Regionalparlaments erzwungen. Bei denen tritt der massige Junqueras, von Konkurrenten "der Bär" genannt, nun wieder als Spitzenkandidat der bislang größten Separatistenpartei an. 

Er sei noch mehr als früher davon überzeugt, dass Katalonien sich von Spanien abspalten müsse, ließ er in zahlreichen Interviews mitteilen, die er zum Teil heimlich aus dem Gefängnis heraus gab. Der Wahlkampf in Katalonien gleicht zuweilen einem fantasievollem Unterhaltungsfilm. Dabei ist es bitterernst: Für die rund sieben Millionen Katalanen wird sein Ausgang über die Zukunft der kriselnden Region entscheiden.     

Umfragen zufolge könnten die Linksrepublikaner knapp die stärkste Kraft im neuen Regionalparlament werden. Der Aufbau eines eigenen Staates soll also ab Freitag fortgesetzt werden. Ob Junqueras zur Ausübung eines politischen Amtes überhaupt die Untersuchungshaft verlassen darf, wie es weitergehen soll, wo doch der Zentralstaat alle Abspaltungsversuche juristisch bekämpft und die EU sie nicht gutheißt, das wird von den Wahlkämpfern erst mal nicht erwähnt.

Auf den Straßen Barcelonas jedenfalls haben die Linksrepublikaner, die sich traditionell als Bollwerk gegen die Monarchie und die konservative Regierung in Madrid verstehen, weiter viele Unterstützter. "Ich wähle sie jetzt erst recht", ruft Manuel, ein Rentner, im Vorbeieilen. Die Verhaftungen, die seit Wochen andauernde Zwangsverwaltung durch Madrid, das sei doch alles eine "Riesensauerei". Und Jaume, ein nachdenklicher 31-Jähriger, will es ebenso tun: "Natürlich werden wir kein unabhängiger Staat, nicht so schnell. Aber wir müssen ein Zeichen setzen, das Madrid nicht so mit uns umspringen darf."