In Katalonien haben die Wahllokale geöffnet. In einigen der Abstimmungsräume stehen die Wahlberechtigten in langen Schlangen, um ihre Stimme abzugeben. Bei der von der Zentralregierung angesetzten Regionalwahl sind 5,5 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, 135 Vertreter für die Regionalversammlung zu bestimmen.

Der Wahltag ist ein normaler Arbeitstag, möglicherweise versuchten viele Katalanen, vor Arbeitsbeginn zu wählen. Für die Teilnahme können Arbeitnehmer bis zu vier Stunden freibekommen. Um welche Tageszeit, bestimmt allerdings der Chef. Die Wahllokale schließen um 20 Uhr, Ergebnisse sollten einige Stunden später vorliegen. 

Die Neuwahl war nötig geworden, nachdem der Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens eskaliert war. Die Regionalregierung um Carles Puigdemont hatte in Katalonien ein Unabhängigkeitsreferendum abgehalten. Die Zentralregierung in Madrid hatte es für illegal erklärt. Nachdem Katalonien erklärte, sich vom Zentralstaat zu lösen, hatte der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy Ende Oktober das katalanische Kabinett abgesetzt. Zudem löste er das Parlament in Barcelona auf.

Mehrere politische Kräfte ringen um die Vormacht: Der abgesetzte Regierungschef Puigdemont, Spitzenkandidat des Wahlbündnisses Junts per Catalunya (Gemeinsam für Katalonien), will seine Position verteidigen. Er wird aber von der spanischen Justiz wegen Rebellion und Aufwiegelung gesucht. Er lebt derzeit in Brüssel. Bei einer Rückkehr nach Spanien droht ihm die sofortige Festnahme.

Puigdemonts einstiger Vize, Oriol Junqueras von der Republikanischen Linken Kataloniens (ERC), führt ebenfalls Wahlkampf aus der Entfernung: aus einem Gefängnis bei Madrid. Am Freitag wurde er gerügt, weil er seine begrenzte Erlaubnis zum Telefonieren dazu nutzte, einen katalanischen Radiosender anzurufen.

Weniger Touristen

Die Prognosen sehen Junqueras' ERC knapp in Führung, doch liegt sie praktisch gleichauf mit der wirtschaftsfreundlichen jungen Oppositionspartei Ciudadanos unter Führung der Rechtsanwältin Inés Arrimadas, die sich als Gegenkraft zu den Separatisten gründete. Sollten die Separatisten vorne liegen, könnten die ERC und die Anhänger Puigdemonts eine Neuauflage der im Herbst abgesetzten Koalition versuchen, wieder unter Einbeziehung der linken Candidatura d'Unitat Popular (CUP). Doch hat das Bündnis unter den Verwerfungen der Unabhängigkeitsbestrebungen gelitten. 

Die Spitzenkandidatin Arrimadas von der Ciudadanos hat schlechtere Chancen, erste Regierungschefin Kataloniens zu werden. Sie bräuchte dafür die Unterstützung des örtlichen Ablegers von Rajoys konservativer Volkspartei und die der sozialistischen PSC, die für eine größere Selbstbestimmung Kataloniens innerhalb Spaniens eintritt.

Im Wahlkampf war die Wirtschaft eine der zentralen Fragen geworden. Denn inzwischen kommen weniger Touristen als bisher in die Region, die Wachstumsprognosen wurden gesenkt, und mehrere große Unternehmen haben ihren Hauptsitz aus Katalonien verlagert.