Read the English version of this article here

Am 18. März werden die Russen einen neuen Präsidenten wählen. Wenige Wochen später wird die Fußball-Weltmeisterschaft im größten Land Europas ausgespielt. Beides sind Großereignisse, über die viele Journalisten berichten werden. Wie gefährlich das sein kann, hat das Jahr 2017 gezeigt: Nikolai Andruschtschenko, Reporter der Zeitung Nowy Peterburg, wurde in Sankt Petersburg überfallen, zusammengeschlagen und starb im Krankenhaus. Tatjana Felgengauer, stellvertretende Chefredakteurin des Radiosenders Echo Moskwy, wurde von einem Angreifer in der Redaktion niedergestochen. Auch Reporter der Nowaja Gaseta wurden bedroht und angegriffen. Einige verließen Russland wie die Journalistin und Bürgerrechtlerin Olga Romanowa.

Der russische Geheimdienstexperte Andrej Soldatow kennt all diese Fälle. Er hat selbst mehrmals erwogen, Russland zu verlassen und immer dagegen entschieden. Seit 18 Jahren recherchiert er über den Einfluss des Kreml auf das Internet und die Medien. Wie hat sich dieser durch die Digitalisierung verändert? Wie funktioniert Zensur heute in Russland? Und was haben beide Themen mit der wahrscheinlichen Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten zu tun? Darum soll es im folgenden Gespräch gehen.

ZEIT ONLINE: Herr Soldatow, fühlen Sie sich in Russland sicher?

Andrej Soldatow: Es ist 15 Jahre her, dass der Inlandsgeheimdienst FSB das erste Mal gegen mich vorgegangen ist und Ermittlungen wegen angeblicher Offenlegung von Staatsgeheimnissen einleitete. Deshalb verstehe ich die Kollegen, die 2017 Russland verlassen haben. Wer in diesem Land kritischen Journalismus macht, geht ein Risiko ein. Und er muss gegen ein System der Zensur anarbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert dieses System?

Soldatow: Einige Journalisten werden angegriffen oder umgebracht. Diese Fälle werden dann ähnlich wie bei Oppositionellen nur oberflächlich von der Staatsanwaltschaft untersucht. Das ist die eine, sehr harte Seite der Zensur. Viel umfangreicher funktioniert das System in Bezug auf Selbstzensur. Das Regime versucht hier eine klare Botschaft zu verbreiten: Du als einzelner kritischer Journalist kannst eh nicht viel erreichen.

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen hat das?

Soldatow: Wenn Journalismus nichts mehr verändert, weshalb dann überhaupt noch kritischen Journalismus betreiben? Das fragen viele Kollegen sich. Dann lieber aufgeben, denken sie. Dass sie so denken, ist ein Ziel der Regierung.

ZEIT ONLINE: Aufgeben bedeutet, nicht mehr zu recherchieren?

Soldatow: Genau. Oder nicht mehr über gewisse Dinge zu schreiben. 

ZEIT ONLINE: In Deutschland dürfen Journalisten Politiker hart kritisieren. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff verlor sein Amt, nachdem lange über ihn berichtet wurde. Wäre so etwas in Russland denkbar? Könnte ein Journalist in Moskau darüber schreiben, wie Wladimir Putin die Öffentlichkeit anlügt, etwa in Bezug auf die russischen Soldaten in der Ukraine?

Soldatow: Der russische Weg, Medien zu kontrollieren, hat sich gewandelt. Am Anfang haben die Geheimdienstvertreter nur einzelne Journalisten beeinflusst. Dann haben sie relativ schnell bemerkt, dass es viel effektiver ist, wenn ganze Medienhäuser kontrolliert werden. Sie kontrollieren jetzt die Besitzer eines Verlags, die wiederum kontrollieren auf Anweisung von oben die Redakteure. So werden kritische Geschichten gestoppt.

ZEIT ONLINE: Klingt nach einem System mit mehreren Ebenen ...

Soldatow: ... das äußerst effektiv funktioniert und den Anschein der Zensur vermeidet. Wenn es einen Konflikt zwischen einem Redakteur und einem kritischen Reporter gibt, sieht es so aus, als wäre es eine interne Angelegenheit, mit der der Kreml gar nichts zu tun hat. Niemand kann dann nachweisen, dass die Verhinderung eines Artikels eigentlich auf politischen Druck zurückzuführen ist. Es gibt keine Beweise.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel?

Soldatow: Stellen Sie sich vor, ein Reporter will etwas Kritisches schreiben, vielleicht über den Einfluss einzelner Wirtschaftsbosse auf Zeitungen. Dann sagt der Chefredakteur einfach, dieser Reporter sei zu emotional wegen seiner Geschichte. Und schon gibt es einen Grund, die Geschichte abzulehnen.

Die Regierung kann immer sagen: Wir haben damit nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Besonders bei wichtigen Themen wie Kriegsverbrechen oder  Korruption ist es schwer, nicht auch emotional zu reagieren.

Soldatow: Auch bei diesen Themen kann der Verlag oder der Chefredakteur einfach sagen: Wir killen deine Geschichte, da du zu emotional bei diesem Thema bist. Wenn das zwei-, dreimal passiert, wird der Journalist am Ende die Zeitung verlassen. Seine kritische Geschichte wird nicht veröffentlicht. So funktioniert das System der Zensur. Die Regierung kann immer sagen: Wir haben damit nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: In den USA hat kritischer Journalismus gerade Konjunktur, auch wegen eines Präsidenten, über den viel recherchiert und veröffentlicht wird. 

Soldatow: Das ist mit Russland nur schwer zu vergleichen. Viele Medienhäuser haben hier ihre Investigativabteilungen geschlossen. Als ich 1999 begann, über den russischen Geheimdienst zu schreiben, hatte jeder große Verlag in Moskau eine eigene Investigativabteilung mit mehreren Reportern. Im Jahr 2016 wurde gezählt, wie viele von diesen investigativen Reportern noch in Moskau arbeiten. Das Ergebnis: acht. Selbst wenn der ein oder andere bei der Zählung vergessen wurde, sind nicht mehr als zehn Menschen übrig geblieben. Die Medienhäuser haben in all den Jahren gelernt, dass es zu riskant ist, kritische Abteilungen zu unterhalten. Sie haben sich der Zensur gebeugt.

ZEIT ONLINE: Hat sich die Beeinflussung der Medien in den vergangenen Jahren gewandelt?