Draußen vor der syrischen Botschaft in Berlin ist noch etwas Zeit für eine Zigarette und einen Plausch. "Sie sind nett, guter Service, das ist anders als früher", sagt einer der jungen Männer. Ein anderer meint: "Sie sind genauso beschissen wie immer, sie haben sich nicht verändert."

Es ist ein sonniger Herbstnachmittag. Zu Dutzenden strömen die Menschen durch die Seiteneingänge in den Warteraum, wo sie vor einem Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sitzen. Männer scherzen und drängeln, Mütter nehmen kleine Kinder bei der Hand, ein runzeliger Alter wird die kurze Treppe zur Lobby hochgehievt. Hinter seinem Schreibtisch kaut ein Mitarbeiter der Botschaft Nüsse und gibt schroffe Anweisungen.

"Zählt es ab dem Zeitpunkt, wo ich meine Aufenthaltserlaubnis bekommen habe?", will ein Neuankömmling wissen. "Ab da, wo Sie Syrien verlassen haben", bellt der Mann von der Botschaft. Der Fragende gibt zu bedenken, er habe Syrien illegal verlassen, und bekommt für seine Offenheit zur Antwort: "Sie müssen ihren Status korrigieren. Drücken Sie Nummer drei, besorgen Sie eine Kopie Ihres Passes und warten Sie, bis Sie dran sind."

Warteraum in der syrischen Botschaft in Berlin © Sally Hayden

Sie haben die Gefahren des syrischen Kriegs hinter sich gelassen: Granaten, Fassbomben, Scharfschützen, die wahllos Zivilisten ins Visier nehmen, oder auch den Militärdienst für ein Regime, mit dem sie nichts verbindet. Sie haben die gefährliche Reise auf sich genommen, um Europa zu erreichen, die Bilder aus 2015 sind nicht vergessen: von den kaum schwimmfähigen Booten nach Griechenland über die Zusammenstöße an der mazedonischen Grenze und das ewige Warten auf die Züge in Budapest bis zu den überfüllten Unterkünften am Ziel. Die Debatte über die Integration der Flüchtlinge und darüber, welche Unterstützung sie bekommen und wie die Ankunft einer halben Million Männer, Frauen und Kinder die europäische Kultur verändert, ist noch lange nicht beendet.

Zwei Jahre später ist außerdem ein viel kleineres, aber ebenso bedeutendes Phänomen zu beobachten: eine Migrationsbewegung in die entgegengesetzte Richtung.

Während unserer Recherchen auf drei Kontinenten innerhalb von vier Monaten haben wir mit vielen syrischen Flüchtlingen in Deutschland, Großbritannien, Irland, der Türkei, im Sudan und in Syrien gesprochen: Menschen, die entweder planten, in ihre Heimat zurückzukehren, einen Teil der Reise bereits hinter sich hatten oder dort wieder angekommen waren, wo noch immer Krieg herrscht. Wir haben Hunderte von Beiträgen in Online-Gruppen gelesen, von Syrern in ganz Europa, die über diesen Weg diskutieren. Konzentriert haben wir uns dabei auf Flüchtlinge, die Deutschland wieder verlassen wollen oder es bereits getan haben, doch unsere Recherchen zeigen, dass Syrer in vielen europäischen Ländern ähnlich denken, etwa in Schweden, Dänemark oder Österreich.

Wir wollen erklären, warum einige Syrer wieder gehen, die Routen beschreiben, die sie nehmen, und zeigen, wie es ihnen nach der Ankunft in der Heimat ergehen kann.

"Vergeude nicht deine Zukunft"

Mustafa treffen wir zwei Tage vor seinem 18. Geburtstag. Zwei Tage bevor er erwachsen wird und damit die Möglichkeit verliert, seine Familie zu retten. Er lebt zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren in Stuttgart, spricht fließend Deutsch, doch der syrische Teenager ist nicht als Flüchtling anerkannt. Mustafa glaubt, die Behörden verzögerten die Prozedur vorsätzlich, um ihn davon abzuhalten, den Nachzug seiner Familie nach Deutschland zu beantragen.

Mustafa, kurz vor seinem 18. Geburtstag in Stuttgart: "Ich habe meine halbe Kindheit im syrischen Krieg verloren, und ich habe die andere Hälfte verloren, weil ich von meiner Familie getrennt bin." © Sally Hayden

"Ich habe meine halbe Kindheit im syrischen Krieg verloren, und ich habe die andere Hälfte verloren, weil ich von meiner Familie getrennt bin", sagt Mustafa, und man spürt die Trauer, als wir im September mit ihm sprechen. Jede Woche ermutigt ihn sein Vater durchzuhalten. "Vergeude nicht deine Zukunft", herrscht er den Jungen in diesen WhatsApp-Gesprächen an. Für einige von Mustafas Freunden, ebenso jung und allein in einem Land Tausende Kilometer von zu Hause, ist die Entfernung schon unerträglich geworden. "Ich kenne viele, die zurückgegangen sind", sagt er.

Sich als Flüchtling wieder auf den Weg in die Heimat zu machen, ist nicht ungewöhnlich. In Deutschland gibt es mehr als 1.000 Zentren zur Rückkehrberatung für Flüchtlinge, die diesen Schritt in Erwägung ziehen. Die meisten Angebote in dieser Richtung macht nicht der Staat, sie sind auch unabhängig vom Asylverfahren. Trotzdem kommen manche Flüchtlinge damit durcheinander und riskieren so ihren Status. Wir kennen Fälle, in denen das Antragsverfahren zumindest vorläufig gestoppt wurde, nachdem Bewerber im Asylgespräch gesagt hatten, sie wollten wieder nach Hause. Viele befinden sich in einer ausweglosen Situation: Ohne Papiere können sie das Land nicht verlassen, und hier dürfen sie weder arbeiten, noch Frau oder Kinder nachholen, was ihre größte Hoffnung war.

Auf dem Höhepunkt des Kriegs entschlossen sich viele syrische Familien, die nicht viel Geld hatten, nur einen vorzuschicken: meist den Mann oder einen Sohn. Sobald sie es nach Europa geschafft hatten, sollten die dann den Nachzug beantragen für die Frau, Eltern, Kinder oder Geschwister – und so der ganzen Familie die Flucht ermöglichen.