In Syrien, Straße nach Damaskus © Sally Hayden

In Deutschland, in Syrien und überall in Europa wurde uns unzählige Male von jungen männlichen Flüchtlingen berichtet, die nach ihrer Rückkehr nach Syrien verschwanden und von denen alle gaubten, sie seien im Gefängnis. Einige konnten noch ihre Familien wiedersehen, bevor jeder Kontakt abbrach. Samis Geschichte war für uns der umfassendste Einblick, was manchen von ihnen passieren kann. Er erzählte uns, Frauen und alleinige Söhne (die vom Militärdienst ausgenommen sind) könnten schon nach einigen Tagen wieder freikommen, aber alle anderen Männer zwischen 18 und 42 würden einberufen und stünden unter Verdacht.

Ein anderer Syrer aus Hama berichtet von seinem Vater, der zu alt für die Armee ist. Er sei fast drei Stunden lang am Flughafen von Damaskus festgehalten worden, als er aus Schweden zurückkam. Sein Pass wurde beschlagnahmt, sodass er Syrien nicht mehr verlassen konnte. "Jeder, der Syrien illegal verlassen hat, wird einer politischen Befragung unterzogen. Jeder, der euch etwas anderes erzählt, lügt", sagt sein Sohn. Sein Vater wurde dabei ertappt, keinen Ausreisestempel im Pass gehabt zu haben. Er wurde über seine Verbindungen mit "feindlichen Ländern" befragt, wie er Syrien verlassen habe, wer ihm geholfen habe, und wer im Norden des Landes die Kontrolle gehabt habe, als er dort durchreiste. Der Vater, gegen den weiter ermittelt wird, hat es inzwischen geschafft, sich wieder in die Türkei schleusen zu lassen. "Er wird nie wieder zurück nach Syrien gehen", sagt sein Sohn.

Für jene, die über die türkische Grenze auf dem Landweg illegal wieder zurück nach Syrien gelangen, können die Konsequenzen noch schwerwiegender sein. Einige Schleuser entlang der Route nach Aleppo machen mit der Armee gemeinsame Sache, sagt Sami. Wer ihnen in die Hände fällt, kann direkt beim Militär landen oder für Jahre im Gefängnis verschwinden.

"Wir werden niemals vergeben oder vergessen"

Andere, die es schaffen, ihre Heimat zu erreichen, sind gefangen in ihren Häusern. Checkpoints der Armee in den Dörfern und Städten und auch heimliche Überwachung machen es unmöglich, lange unentdeckt zu bleiben. Kehren Flüchtlinge in den vom Regime kontrollierten Teil Syriens zurück, werden sie mit einem System flächendeckender Korruption konfrontiert, in dem ein Soldat große Summen Bargeld zahlen muss, um an einen sichereren Ort abkommandiert zu werden. "Ohne Geld kannst du gar nichts tun", sagt Sami.

Die syrische Regierung sagt, es gebe für jene, die gegangen sind, Kanäle, um eine sichere Rückkehr zu garantieren. In Aleppo, das vom Regime vor weniger als einem Jahr weitgehend erobert wurde, erklärt uns Fadi Ahmad Ismail, der Regierungsbeauftragte für Aussöhnung, die Prozedur. Jeder, der gegen die Regierungstruppen gekämpft oder auch nur in den Medien das Assad-Regime kritisiert hat, müsse das Ministerium für Aussöhnung kontaktieren und Frieden schließen, bevor er zurückkehre. Nach Ismails Angaben sind auf diese Art bislang 300 Menschen aus dem Ausland nach Aleppo zurückgekehrt. Jeder muss Papiere unterschreiben, mit denen er sich verpflichtet, künftig nicht mehr gegen den Staat aktiv zu sein. Wer sich danach wieder gegen das Regime äußert, dem droht eine Verurteilung vor einem Terrorismusgericht.

Während sich legale Auswanderer gegen eine Zahlung von 5.000 Dollar vom Militärdienst befreien lassen können, wenn sie fünf Jahre außer Landes waren, bestätigt Ismail: Für Flüchtlinge gilt diese Regelung nicht. Selbst wenn sie vorher in der Opposition gegen die Regierung waren, müsse jeder Mann zwischen 18 und 42 seinen Militärdienst leisten, wenn er zurückkehre.

Fadi Ahmad Ismail, Beauftragter der syrischen Regierung für Aussöhnung in Aleppo © Sally Hayden

Man findet überall im Land auch Menschen, die legal zurückgekehrt sind. In Damaskus, beim Finale der syrischen Fußballmeisterschaft im Oktober, springt Hamo Ahmad durch die Stadionreihen und ruft jedem ein begeistertes "Guten Tag" entgegen, der ihm fremd erscheint. Der 25-Jährige ist vor 20 Tagen wieder in Syrien angekommen, nachdem er drei Jahre bei einem Fußballverein in Frankfurt gespielt hatte. "Ich liebe Deutschland", sagt er. "Aber ich habe die Heimat vermisst."

Fast jeder in Syrien hat einen Verwandten, der das Land verlassen hat. Doch die Äußerungen des Regimes über die mehr als fünf Millionen Flüchtlinge machen wenig Hoffnung, dass sie hier noch willkommen sind. In einem Interview in diesem Jahr sagte Präsident Assad, er respektiere, dass die Mehrheit der Geflüchteten in Zukunft wieder zurückkehren wolle. "Dies ist das Land aller Syrer", sagte er, fügte aber hinzu, dass er nicht beeinflusse könne, was als Nächstes geschehe. "Es spielt keine Rolle, was ich glaube. Entscheidend ist, was die Gesetze über alle Personen sagen, die etwas gegen ihr Land getan haben."

Einen Monat bevor er im Oktober durch eine Landmine starb, löste der bekannte General Issam Zahredine einen Aufschrei aus, als er sagte: Wenn sie wüssten, was gut für sie sei, würden Flüchtlinge nicht zurückkehren. "An jene, die aus Syrien in einen anderes Land geflohen sind: Ich flehe euch an, kommt niemals zurück, denn selbst wenn die Regierung euch vergibt, wir werden niemals vergeben oder vergessen", sagte er syrischen Staatsmedien.

In seiner Residenz in Damaskus versicherte uns der syrische Großmufti Ahmad Badreddin Hassun, ein mächtiger Religionsführer, der der Regierung nahesteht, im November: "Die Tore sind offen für jeden." Allerdings bestritt er, dass die Zahl der Flüchtlinge in Europa so groß sei, wie behauptet werde. Syrer seien nur wegen der Misshandlungen durch die Oppositionsgruppen geflohen, sagte er, nicht wegen etwas, das die Regierung getan habe. Er glaube Berichten, wonach "226.000 Flüchtlinge 2016 nach Europa gegangen sind", aber nur wenige der Familien seien Syrer gewesen. "Die anderen haben gefälschte Pässe." Der syrische Außenminister lehnte unsere Interviewanfragen ab.

Plakate des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in Homs © Sally Hayden

Die Realität in Syrien ist nicht so, wie es viele Rückkehrer hoffen. "Das ganze System der Masseninhaftierung und Folter besteht weiter", sagt Scott Gilmore, Anwalt beim Center for Justice and Accountability, der wegen Kriegsverbrechen in Syrien ermittelt. "Menschen werden routinemäßig an Checkpoints angehalten, entführt … Es gibt immer noch Formen der politischen Gewalt, aber manche Angriffe sind auch gewöhnliche Kriminalität."

Für Sami kommen diese Warnungen zu spät. Tage nachdem wir ihn getroffen haben, sollte er wieder an die Front geschickt werden. An diesem Nachmittag hallen schwere Bombardierungen im von der Opposition gehaltenen Jobar über Damaskus. Samis Geschichte, mit gedämpfter Stimme auf offener Straße erzählt, wo wir nach Lauschern Ausschau halten können, wird untermalt vom Alltag der Angriffe. Er verflucht sich selbst dafür, dass er zurückgekehrt ist in diesen "letzten Krieg", wie er ihn beschreibt. Die gefährlichste Phase der Kämpfe sei jetzt, da die Regierung versuche, die letzten Gebiete einzunehmen, die sie noch nicht unter Kontrolle hat. "Ich sage: Glaubt niemandem und kommt nicht her", mahnt Sami. "Ihr müsst noch ein bisschen warten."

*Name aus Sicherheitsgründen geändert

Die Recherche wurde ermöglicht vom Mary Raftery Journalism Fund. Eine englische und arabische Fassung sind in der Irish Times erschienen.

Aus dem Englisch übertragen von Carsten Luther