Als die Hürriyet im Oktober druckfrisch an die Kioske kam, erwarteten die Leser in der Türkei das Übliche, schlechte Nachrichten. So wie schon seit Monaten: Da ist der vereitelte Putschversuch mit Hunderten Toten, die Zehntausenden Entlassungen von Beamten und Akademikern, Zehntausende Festnahmen mutmaßlicher Gülen-Unterstützer. Und da sind die mehr als 150 inhaftierten Journalisten, darunter auch Deutsche. Ganz zu schweigen davon, wie all das die Beziehungen mit Deutschland, der EU, den USA belastet. Und wie der Präsident gegen jede internationale Kritik das Land weiter mit harter Hand führt. Was sollte die Leser da noch überraschen?

Doch die Kolumne von Abdulkadir Selvi in jener Hürriyet-Ausgabe enthielt einen Hinweis, der insbesondere liberale Türken aufhorchen ließ. Bahnte sich da ein Richtungswechsel an? Selvi unterhält gute Kontakte zur Regierung, so gut, dass ihn manche für regierungsnah erklären. Am Ende seines Artikels schildert der Kolumnist, wie er ein paar Tage zuvor bei einem Empfang des türkischen Präsidenten dem Justizminister Abdulhamit Gül über den Weg gelaufen war. Der habe Akten unterm Arm getragen und es ziemlich eilig gehabt. Wohin der Minister wollte, habe Selvi nicht herausgefunden, doch so viel könne er den Lesern verraten: "In der Justiz wird es wichtige Änderungen geben. Es werden Schritte unternommen, damit sich die Situation der inhaftierten Journalisten und Intellektuellen normalisiert. Mehr kann ich jetzt nicht sagen", schrieb er. 

Und heute? Die Prozesse gegen Mitarbeiter der wichtigsten Oppositionszeitung Cumhuriyet dauern an. Tatsächlich sind nicht alle, aber inzwischen viele dieser Journalisten frei – wenn auch nur unter Auflagen. Die Opposition atmete etwa Ende September auf, als der geschätzte Cumhuriyet-Kolumnist Kadri Gürsel aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Der Prozess gegen ihn wegen Terrorunterstützung wird fortgesetzt, doch er ist erst einmal nicht mehr im Gefängnis.

Steudtner, Tolu und bald Yücel?

Auch unter deutschen Politikern war die Erleichterung groß, als am Montag die deutsche Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu nach diplomatischem Gezerre zwischen der Türkei und Deutschland aus der Untersuchungshaft in Istanbul entlassen wurde. Sie darf das Land nicht verlassen, kann sich aber Hoffnungen auf einen Freispruch machen. Am Dienstag wurde auch bekannt, dass der deutsche Soziologe Sharo Garip nach Deutschland ausreisen darf. Sein Ausreiseverbot wurde durch ein Gericht in Istanbul aufgehoben.

Zuvor war bereits der deutsche Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner überraschend aus der Untersuchungshaft entlassen worden, nachdem er mehr als drei Monate inhaftiert gewesen war. Er durfte nach Deutschland ausreisen, da die Staatsanwaltschaft auf Auflagen verzichtete. Dass er am Ende des Prozesses noch schuldig gesprochen wird, ist unwahrscheinlich.

Der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft. Ihn hat es besonders hart getroffen, da er lange Isolationshaft erdulden musste – bis er vor einigen Wochen in eine andere Zelle verlegt wurde, wo er Kontakt zu anderen Häftlingen haben kann. Kollegen, Freunde, Verwandte, Unterstützer: In Deutschland und in der Türkei machen sich nun viele Hoffnungen, dass auch Yücel entlassen wird – oder der Prozess sogar ganz ausfällt. Eine Anklageschrift gibt es bis heute nicht.

Freispruch ist nicht ausgeschlossen

Yücels Fall dürfte deutlich schwieriger sein als der von Tolu oder Steudtner. Yücel hat den Nachteil, dass er der prominenteste deutsche Gefangene in der Türkei ist. So berühmt, dass Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan öffentlich auf seine Person einging und ihn für einen Agenten und Terroristen erklärte. Zugeständnisse für Yücel, der sich für vier Wochen im deutschen Generalkonsulat in der Nähe vom Bosporus versteckt habe, werde es nicht geben, stellte Erdoğan klar. Außerdem hat der Welt-Korrespondent neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft. Rechtlich unterliegt er damit der türkischen Autorität. Der Fall Yücel ist kompliziert.

Doch wie so vieles in der Türkei ist am Ende alles eine Frage der Interpretation. Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass nach Steudtner und Tolu auch dem Welt-Korrespondenten ein langer Prozess erspart bleibt. Die Politiker in der Türkei können durchaus pragmatisch sein, weil die Gesellschaft es auch ist. Sollte Yücel freigesprochen werden, spräche den Präsidenten niemand mehr auf seinen Vorwurf an, Yücel sei ein Agent. Denn zur türkischen Realität gehört auch, dass Steudtner, Tolu und Yücel in der Öffentlichkeit keine große Rolle spielen. Auch Tolus Freilassung war in den türkischen Medien keine große Nummer. Was Yücel betrifft, bliebe am Ende bei den meisten Türken nur die Erinnerung an irgendeinen deutsch-türkischen Journalisten, der einmal in Haft war.