Am 25. Januar 2011 versammelten sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo fast eine Million Menschen, um sich gegen das repressive Regime von Staatspräsident Hosni Mubarak zu erheben. In den folgenden 18 Tagen demonstrierten Alte und Junge, Studenten und Arbeiter für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Am Ende trat Mubarak zurück, die Revolutionäre schienen ihr Ziel erreicht zu haben. Doch die Hoffnung der Demonstranten auf ein Leben in Würde wurde schnell enttäuscht. Erst ging der Sicherheitsapparat mit aller Gewalt gegen die Protestierenden vor, dann installierte der erste demokratisch gewählte Präsident, Mohammed Mursi, ein rigides, religiös angehauchtes System. Seit 2013 herrscht der einstige Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi noch autoritärer als einst Mubarak. Al-Sissi ließ die Zivilgesellschaft zerschlagen, Aktivisten und Journalisten, also viele der einstigen Revolutionäre, verhaften. Mehr als 60.000 Menschen sitzen in Gefängnissen des Militärs.

Das ägyptische Medienkollektiv Mosireen hat nun ein Archiv mit ungekürzten Videoaufnahmen rund um die Revolution ins Internet gestellt. Auf 858.ma werden insgesamt 858 Stunden Film systematisch in einer Datenbank aufbereitet und frei zugänglich gemacht. Um die Mitglieder des Kollektivs zu schützen, verzichten wir darauf, den Namen unseres Gesprächspartners zu veröffentlichen, und nennen nur den Namen der Gruppe.

ZEIT ONLINE: Heute jährt sich die Revolution zum siebenten Mal. Woran denken Sie an diesem Tag?

Mosireen: Für uns alle, die 2011 auf dem Tahrir-Platz waren, ist das ein sehr schwieriger Moment. Wenn wir darüber nachdenken, wie sich Ägypten seit der Revolution entwickelt hat, ist es schwer, nicht in eine Depression zu verfallen. Wir hatten große Hoffnungen, als wir nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak in Kairos Innenstadt feierten. Davon ist nichts übrig geblieben. Die staatliche Repression, die wir heute in Ägypten erleben, hat ein nie gekanntes Ausmaß erreicht. 

ZEIT ONLINE: Hat der Aufstand der Ägypter also gar nichts bewirkt?

Mosireen: Doch, er hat das Denken der Ägypter verändert. Wir können noch nicht absehen, was er wirklich für das Land bedeuten wird. In der Geschichte war es ja immer so, dass die Folgen einer Revolution erst viele Jahre später sichtbar wurden. Die Revolution hat den Ägyptern gezeigt, dass ein autoritäres Herrschaftssystem gestürzt werden kann. Allein dafür wird sie für immer fest in unserer kollektiven Erinnerung verankert sein. Die Jugendlichen, die miterlebt haben, wie ein Autokrat, der 30 Jahre an der Macht war, vom Volk gestürzt wurde, haben heute einen kritischeren Blick auf Autoritäten, als jene, die in der Mubarak-Ära sozialisiert wurden.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Tage auf dem Tahrir-Platz erlebt?

Mosireen: Als äußerst inspirierend. Mubarak hatte es geschafft, die breite Masse gegen sich zu mobilisieren. Auf dem Tahrir-Platz versammelten sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft: Akademiker, Arbeiter, Händler, Teeverkäufer, Intellektuelle, Künstler. Sie alle haben trotz der immensen Präsenz der Sicherheitskräfte jeden Tag auf dem Platz ausgeharrt und gegen Mubarak demonstriert. Der Mut und der Zusammenhalt der Menschen waren beeindruckend.

Als Mubarak weg war, wurde klar, dass da viele verschiedene Gruppen mit diversen Interessen aufeinanderprallten. Auch innerhalb der Revolutionsbewegung gab es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Zukunft aussehen sollte. Dennoch erlebten wir 2011 und 2012 einen gesellschaftlichen Aufbruch: Kinder stritten mit ihren Eltern über die patriarchalischen Strukturen, Arbeiter, Studenten und Unternehmer diskutierten offen über Themen wie politische Teilhabe und einen radikalen Wandel, es gab Debattierclubs und regierungskritische Theaterstücke. Das Gefühl des Aufbruchs hatte die gesamte Gesellschaft erfasst. Doch dann kam die Enttäuschung.

ZEIT ONLINE: Weil aus dem Gefühl kein reeller Umbruch erfolgte.

Mosireen: Ja. Es gibt verschiedene Meinungen dazu, warum aus der Revolution keine politische Bewegung entstanden ist. Vielleicht war das Problem, dass die Revolutionsbewegung nicht danach strebte, die Macht zu erlangen. Ihnen ging es vor allem darum, die Machtstrukturen zu ändern, also das Verhältnis zwischen dem Staat und den Bürgern infrage zu stellen. Sie wollten dann aber nicht in den politischen Prozess involviert werden. Sie schafften es nicht, aus den sozialen Utopien politische Programme zu generieren. 

ZEIT ONLINE: Die Revolutionäre wurden auch zunehmend zermürbt zwischen dem Machtkampf von Militär und Muslimbrüdern. Warum war es so schwierig für sie, einen eigenen, dritten Weg zu gehen?

Mosireen: Es stimmt, dass die Revolutionäre zwischen beiden Seiten standen. Als der Muslimbruder Mohammed Mursi 2012 zum Präsidenten gewählt wurde, fühlten sich die Revolutionäre zum ersten Mal betrogen. Die Muslimbrüder mit ihren Vorstellungen eines politischen Islam und ihren patriarchalischen Strukturen waren für viele junge Leute keine Option. Die Leute um Mursi verfolgten mit ihren konservativen Moralvorstellungen ganz andere Ziele als die Leute, die auf dem Tahrir-Platz für Freiheit und Demokratie gekämpft hatten. Mursi erließ Gesetze, die ihm viel Macht zusicherten, die die Meinungsfreiheit einschränkten, die es der Polizei erlaubten, brutal gegen Demonstranten vorzugehen.

Spätestens mit der Machtübernahme des einstigen Feldmarschalls Abdel Fattah al-Sissi 2013 war klar, dass die Revolutionsbewegung geschlagen war. Viele der Revolutionäre hatten jede Zuversicht verloren, dass ihr Land sich noch in eine Demokratie entwickeln könnte. Sie begriffen, dass das Militär wieder einmal gewonnen hatte. Das war eine bittere Erkenntnis.

Ägypten - Handyaufnahmen von einem Protest gegen Mubarak Ein Demonstrant filmt die Proteste gegen den damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak im Februar 2011. © Foto: 858.ma

ZEIT ONLINE: Auf 858.ma haben Sie nun Hunderte Handyvideos veröffentlicht, die die Ereignisse während und nach der Revolution dokumentieren: die Proteste auf dem Tahrir-Platz, den Rücktritt Mubaraks, das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten, das Tränengas, die vielen Kämpfe. Warum stellen Sie die Aufnahmen aus der Zeit erst jetzt ins Netz? 

Mosireen: Es hat lange gedauert, das Material chronologisch zu ordnen. Auch waren viele Mitglieder von Mosireen nach der Machtübernahme des Militärs wie paralysiert. Wir waren zu erschüttert, um die vielen Bilder, die teils auch die gewaltsamen Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten zeigen, sichten zu können. Erst 2016 begannen wir, das Material zu kategorisieren. Wir fühlten uns verpflichtet, die Aufnahmen öffentlich zugänglich zu machen. Gerade in einem autoritären Regime haben Bilder eine große Macht.