Der britische Außenminister Boris Johnson stößt mit seinem Vorschlag, zwischen Großbritannien und Frankreich eine Brücke zu bauen, in Paris auf wenig Zustimmung. Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire sagte dem Radiosender Europe 1: "Alle Ideen verdienen es, erörtert zu werden, auch die abwegigsten." Es gebe allerdings bereits große europäische Infrastrukturprojekte mit komplexer Finanzierung. "Lasst uns diese Sachen fertigstellen, die bereits im Gang sind, bevor wir über neue nachdenken", sagte Le Maire.

Johnson hatte die Idee am Donnerstag auf einem Gipfel mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron in Sandhurst bei London vorgebracht, wie das französische Präsidialamt bestätigte. Allerdings habe Macron zu dem Projekt keine "Blankovollmacht" gegeben. Damit widersprach der Élysée-Palast der Zeitung Daily Telegraph sowie dem Fernsehsender Sky News: Beide hatten berichtet, dass Macron das Projekt befürwortet habe. Laut Daily Telegraph soll Macron gesagt haben: "Ich stimme zu. Lasst uns das machen."

Dem Zeitungsbericht zufolge sagte Johnson bei dem Spitzentreffen, es sei lachhaft, dass zwei der größten Wirtschaftsmächte der Welt nur durch Bahngleise verbunden seien, obwohl sie nur 32 Kilometer voneinander entfernt sind – dass es auch See- und Flugverbindungen gibt, ließ er außen vor. Johnson twitterte am Rande des Gipfels, dass der wirtschaftliche Erfolg beider Länder von guter Infrastruktur und guten Verbindungen abhänge. "Soll der Kanaltunnel nur der erste Schritt sein?" fragte er. Später twitterte Johnson ein Bild, auf dem er und Macron den Daumen emporrecken.

Ein Sprecher der britischen Premierministerin Theresa May teilte am Freitag in London mit, bei dem Treffen in Sandhurst sei lediglich die Einrichtung einer Expertengruppe beschlossen worden, die sich mit Großprojekten befasse. Darauf dürfte sich Johnsons Tweet beziehen, sagte der Sprecher. Er ergänzte, er habe bislang keine Pläne für eine Brücke über den Ärmelkanal gesehen.

Frankreich und Großbritannien sind durch den Eurotunnel miteinander verbunden. Johnson ist vehementer Brexit-Befürworter. Als eines der Argumente für den Austritt aus der EU hatten die Brexit-Anhänger die verstärkte Migration nach Großbritannien unter anderem durch den Eurotunnel angeführt. Der EU-Austritt des Königreichs ist für Ende März 2019 geplant. Dem Daily Telegraph zufolge betrachtet Johnson eine privat finanzierte, 35 Kilometer lange Brücke als Option. Diese könne Handel und Tourismus in Großbritannien nach dem Brexit ankurbeln.