Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat angekündigt, dass er die Militäroffensive an der türkisch-syrischen Grenze weiterführen will. Der Einsatz in der kurdisch dominierten Region Afrin habe ein klares Ziel: "Zuerst werden wir die Terroristen ausrotten, dann werden wir es dort lebenswert machen", sagte Erdoğan.

"Schritt für Schritt" brächten die türkischen Streitkräfte und die mit ihr verbündete Freie Syrische Armee (FSA) das Gebiet unter ihre Kontrolle. 268 Kämpfer der Kurdenmiliz YPG seien bisher "neutralisiert" worden, teilte der Präsident mit, die "Operation Olivenzweig" verlaufe erfolgreich. Zudem gab Erdoğan in seiner Rede zu verstehen, dass der Angriff auf andere Gebiete in Nordsyrien, die unter Kontrolle der YPG stehen, ausgedehnt werden könnte: "So Gott will, werden wir, angefangen mit Manbidsch, dieses Spiel entlang unserer Grenzen zunichte machen und unsere Region von diesem Unheil vollständig säubern."

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden auch in anderen Kurdengebieten Angriffe der türkischen Armee beobachtet, darunter auch die Stadt Kamischli im Nordosten Syriens, die demnach von der Türkei aus beschossen wurde. Nach türkischen Medienberichten hätten die in der Grenzprovinz Mardin stationierten Soldaten damit auf Beschuss von kurdischen Milizen aus Syrien reagiert. Eine Bestätigung von offizieller Seite erfolgte bisher nicht.

Erdoğan und Çavuşoğlu: Weitere Kämpfe denkbar

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hatte am Dienstag in einem Interview mit dem französischen Fernsehsender France 24 ebenfalls angekündigt, dass eine Ausweitung des Einsatzes denkbar sei: "Derzeit ist Afrin das Ziel, aber in der Zukunft könnten wir eine Operation in Manbidsch und auch im östlichen Teil des Euphrats beginnen." Auf die Frage, ob die USA dieses Vorgehen billigen würden, sagte Çavuşoğlu: "Ich muss mit niemandem übereinstimmen. Unsere Verpflichtung ist es, jede Bedrohung der Türkei zu beseitigen."

Auch ein Sprecher des Präsidenten, İbrahim Kalın, gab am Dienstag bekannt, der Einsatz gehe weiter, "bis die separatistische Terrororganisation von der Region vollständig gesäubert wird". Nur so sei gewährleistet, dass die rund 3,5 Millionen syrischen Flüchtlinge, die sich derzeit in der Türkei aufhalten, in ihr Heimatland zurückkehren könnten. Beobachter von Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, das bei der Offensive bislang mindestens 23 Zivilisten ums Leben gekommen sind. Tausende Menschen flohen aus der umkämpften Enklave Afrin in umliegende Dörfer, bestätigte ein Sprecher der Vereinten Nationen. In der Region, die von der kurdischen YPG kontrolliert wird, leben mehr als 320.000 Menschen.

Die kurdische YPG-Miliz wird von der Regierung in Ankara als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK betrachtet. Die PKK ist in der Türkei, der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft. Präsident Erdoğan nannte die Mitglieder der YPG "Barbaren", "Mörder", "Diebe", und "Mädchenschänder" und bezeichnete die kurdischen Kämpfer als "neue Kollaborateure der postmodernen Kreuzzüge".

Im Kampf gegen die Milizen des "Islamischen Staats" traten die Kämpfer der YPG indes als Verbündete der USA auf und erhielten auch Waffen aus den Vereinigten Staaten, die nach Angaben eines Sprechers des Pentagon aber nur im Kampf gegen den IS eingesetzt werden sollen.

"Ein Offenbarungseid der Bundespolitik"

Die Offensive sorgt auch in Deutschland für Diskussionen, vor allem seit es Berichte gibt, dass die Türkei auch deutsche Leopard-Panzer einsetzt. Politiker der Opposition forderten daraufhin ein Ende aller Rüstungsexporte an den Nato-Verbündeten. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, verlangte von der Bundesregierung ein weiteres klares Zeichen: den Abzug der Bundeswehrsoldaten vom Nato-Stützpunkt im türkischen Konya. "Dass in Syrien jetzt deutsche Panzer, die an das islamistische Regime Erdoğans geliefert wurden, die Kurden in Syrien niederwalzen, ist ein Offenbarungseid der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik", sagte Wagenknecht.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, sprach sich für einen Stopp der Rüstungsexporte der Bundesregierung in die Türkei aus: "Spätestens mit den jüngsten Bildern aus Syrien, die nahelegen, dass deutsche Panzer unter türkischer Flagge gegen die kurdische Bevölkerung rollen, sollte doch der Groschen gefallen sein, dass die deutsche Türkeipolitik so nicht weitergehen kann", sagte er der Schwäbischen Zeitung.