ZEIT ONLINE: Herr Ahadi, die Proteste im Iran wurden zwar größtenteils niedergeschlagen, aber viele Iraner sind nach wie vor wütend auf die Regierung. Erwarten Sie neue Proteste?

Ali Samadi Ahadi: Die Proteste werden entweder jetzt oder später weitergehen. Im Iran kann sich nur etwas verändern, wenn die Regierung den Widerstand der Bevölkerung als Weckruf versteht und seine Haltung verändert. Danach sieht es aber nicht aus. Die iranische Führung hat in den vergangenen Tagen einige Zugeständnisse gemacht, was die wirtschaftliche Öffnung betrifft. Aber die Grundprobleme hat sie nicht gelöst. Die Menschen leiden unter der schlechten wirtschaftlichen Lage und den massiven Repressionen. Gerade die Jungen wollen frei über ihr Leben bestimmen.

ZEIT ONLINE: Wie lebt man als junger Mensch im Iran?

Ahadi: Die jungen Iraner werden täglich erniedrigt. Sie haben am wenigsten in der iranischen Gesellschaft zu sagen. Das Regime bestimmt alle Aspekte ihres Lebens. 80 Prozent der Wirtschaft werden vom Staat kontrolliert, also vom Militär, vom geistigen Oberhaupt, von der Regierung. Als junger Mensch hat man kaum eine Chance, eine Arbeitsstelle zu finden, die nicht direkt dem Staat unterstellt ist.

Die soziale Kontrolle geht aber noch viel weiter. Partys werden gestürmt, sobald dort Männer und Frauen sind, junge Männer und Frauen werden verhaftet, wenn sie sich nicht gemäß den religiösen Vorgaben kleiden. Wer sich in Uni-Seminaren kritisch äußert, wird vom Studium ausgeschlossen. Auch bei Themen wie Sexualität, Heiraten oder Partnersuche will das Regime immer mitentscheiden. Das ist für viele schwer zu ertragen. Die Iraner sehen ja, wie frei die Menschen woanders leben.

ZEIT ONLINE: Im Iran gibt es eine Kluft zwischen dem öffentlichen Leben, das fremdbestimmt ist, und dem Privatleben. In Teheran etwa feiern junge Iraner im Verborgenen exzessive Partys, nehmen Drogen, haben vor- oder außerehelichen Sex. Kann sich in dieser Subkultur auch politischer Widerstand formieren?

Ahadi: Sie ist in jedem Fall ein Ort der Auseinandersetzung, abseits der starren religiösen Führung. Der Wächterrat, der alles mitentscheidet, wird von jemandem geführt, der 90 ist. Ajatollah Ahmad Dschannati ist von dem Leben, wie es sich die Jungen vorstellen, sehr weit weg. Als er geboren wurde, konnte kaum ein Iraner lesen und schreiben, es gab fast keine Infrastruktur, Frauen hatten keine Rechte, der Iran war gänzlich abgeschottet. Heute können fast alle Iraner lesen und schreiben, sie wissen über das Internet, was in der Welt da draußen passiert, 70 Prozent der Studierenden sind Frauen. Es herrscht eine große Kluft zwischen denen, die entscheiden, und denen, die eine Perspektive haben wollen.

ZEIT ONLINE: Anfangs führten Ultrakonservative die Proteste an, die den eher moderaten Präsidenten Hassan Ruhani schwächen wollten. Dann haben die Bürger die Führung übernommen und die Proteste gegen das System gerichtet. Die Menschen riefen Slogans wie "Tod dem Diktator" oder "Mullahs schämt euch". Haben Sie das erwartet?

Ahadi: Es ging bei den jetzigen Protesten schnell um die Systemfrage. Als die Iraner 2009 auf die Straße gingen, hat es etwa ein Jahr gedauert, bis sie so weit waren, "Tod dem Diktator" zu rufen. Sie haben erst viele Monate nach Beginn der Proteste erkannt, dass es mit diesem System keine Veränderung geben wird. Die jetzigen Proteste haben da angefangen, wo sie 2010 aufgehört haben. In den vergangenen sieben Jahren hat sich nichts verbessert. Deswegen ist für viele Iraner klar, dass es große Umwälzungen nicht innerhalb des  Systems geben kann, sondern nur mit einem Umsturz.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film The Green Wave haben Sie die Proteste nach den Präsidentenwahlen 2009 und deren Niederschlagung dokumentiert. Erinnert Sie der jetzige Aufruhr an damals?

Ahadi: Die Regierung ist dieses Mal nicht ganz so brutal gegen die Demonstranten vorgegangen wie damals. Die Staatsführung war überrascht, wie schnell sich die Proteste ausbreiten konnten, es wurde ja in fast 100 Städten und Dörfer demonstriert.

Die Menschen heute rufen nach Freiheit und Unabhängigkeit wie 2009. Damals protestierte aber vor allem die intellektuelle Mittelschicht in den großen Städten gegen die gefälschte Wiederwahl des ultrakonservativen Präsidenten Ahmadinedschad. Heute sind es eher Arme, Arbeiter, die Angst vor der Zukunft haben. Rund 40 Prozent der Iraner leben unter der Armutsgrenze. Sie spüren nichts vom Aufschwung, den Ruhani ihnen mit dem Atomabkommen versprochen hatte.