Anna Kanopazkaja drückt den Knopf. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Im Fahrstuhlschacht passiert nichts. Dass der Aufzug ausgerechnet heute streikt, da der Besuch lange angekündigt war: Ist das Zufall oder Schikane?

An diesem Samstag in Sjarowa, einem Arbeiterbezirk im Süden von Minsk, muss die kleine Gruppe um die Politikerin nun 14 Stockwerke zu Fuß hinaufsteigen. In einem der vielen Plattenbauten versucht sie mit ihren Helfern und einem Fernsehteam des oppositionellen TV-Senders Belsat Tür-zu-Tür-Wahlkampf zu machen.

Was die 41-Jährige macht, ist mutig, ob es auch etwas bewirkt oder verändert in Belarus, ist fraglich. Es ist nicht anzunehmen, dass die Kommunalwahlen am 18. Februar frei und fair ablaufen werden. In Belarus entsprachen Wahlen in den vergangenen Jahren nie den OSZE-Standards. Die Frau mit Lippenstift, Wollmantel und Lederstiefeln will dennoch für ihre Idee eines liberaleren Landes werben. Seit Herbst 2016 sitzt sie im belarussischen Parlament. Sie ist eine von zwei Oppositionelle dort, die ersten seit zwölf Jahren. Aber ist Kanopazkaja mehr als ein einzelnes freundliches Gesicht in einem großen autoritären System?

An ihrem politischen Engagement in Belarus scheiden sich die Meinungen, selbst innerhalb der Opposition. Sie sei nur ein Feigenblatt, um die EU bei Laune zu halten und Präsident Alexander Lukaschenko international reinzuwaschen, sagen die einen. Sie sei eine Chance, zumindest einen Hauch von Pluralismus ins Parlament zu bringen, sagen die anderen.

Pawel Sewjarinez gehört zu den Kritikern von Anna Kanopazkaja. Der Oppositionelle sitzt in einer Dönerbude am anderen Ende der Stadt. Draußen legt sich schon die Dunkelheit über den Himmel. Drinnen dröhnt Popmusik aus den Boxen. Gut für ein vertrauliches Gespräch, sagt er ernst: "Nach außen wirkt das Regime vielleicht liberaler, aber nach innen ist es repressiver geworden." Der 41-Jährige weiß, wovon er spricht. Allein 2017 ist er vier Mal wegen der Teilnahme an nicht genehmigten Protesten verhaftet worden. Zuletzt wurde er im Oktober für 15 Tage lang eingesperrt.

Wie frei ist Belarus?

Anna Kanopazkaja und Pawel Sewjarinez verbindet eine Frage: Wie frei und demokratisch ist Belarus im Jahr 2018, dieses Land, das in der internationalen Presse oft etwas übertrieben als Europas letzte Diktatur bezeichnet wird?

Nach einer relativ liberalen Phase ab 2014 hat das Regime seit etwa einem Jahr wieder die Kontrolle verstärkt. Das liegt vor allem an den Protesten im vergangenen Jahr, die die Regierung um den Autokraten Lukaschenko kurzzeitig erschüttert haben. Im sogenannten Frühling von Belarus waren im ganzen Land Tausende Menschen gegen die sogenannte Sozialschmarotzersteuer auf die Straße gegangen, eine Abgabe von umgerechnet rund 180 Euro im Jahr, die Arbeitslose entrichten sollten. Die Proteste verhinderten diese absurde neue Steuer, doch mit einem Mix aus Kompromissen und Härte – Löhne wurden angepasst und Demonstrationen zerschlagen – konnte Lukaschenko die alte Ordnung auf den Straßen wieder herstellen.

Seither hat das, was Sewjarinez geschah, System. Sewjarinez, der insgesamt mehrere Jahre in belarussische Strafanstalten abgesessen hat, wurde 2017 für wenige Tage eingesperrt. Keine Haftstrafe im großen Stil, um nicht wieder westliche Sanktionen zu riskieren, aber gerade genug, um Störenfriede vor geplanten Protesten gezielt aus dem Verkehr zu ziehen und Aktivisten einzuschüchtern.

Es sei ein schmaler Grat, schreibt der Minsker Publizist Artjom Schraibman, auf dem sich Lukaschenko bewegt: Repressionen nach innen, moderate Öffnung nach außen. Aber das Ziel, damit "unter dem westlichen Radar zu bleiben", wie es Schraibman ausdrückt, wird bisher von Lukaschenko erreicht.

Eng mit dem großen Bruderstaat Russland verbunden, mit dem Belarus eine Union bildet, ist Lukaschenko auch um gute Beziehungen mit dem Westen bemüht. Dieses Bestreben verstärkte sich vor allem nach dem Jahr 2014, dem Schreckensjahr im postsowjetischen Raum, als russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen auf der ukrainischen Halbinsel Krim einmarschierten und einen Krieg in oder Ostukraine entfesselten.