Doch Spaniens Oberster Gerichtshof hat bisher weder Anträgen auf Haftverlegung der Separatisten nach Katalonien stattgegeben noch eine Sondererlaubnis für die Teilnahme an der Parlamentssitzung erteilt. Beides hatte unter anderem Ex-Vizepräsident Junqueras, Spitzenkandidat der Linksrepublikaner, beantragt.

Weil die Unabhängigkeitskämpfer im Parlament aber nur eine sehr knappe Mehrheit haben, gewinnt die Frage der Übertragung des Stimmrechts für die Wahl des künftigen katalanischen Präsidenten zentrale Bedeutung. Am Mittwoch, bei der Auftaktsitzung des Parlaments, legen die inhaftierten Politiker ihr Votum in die Hände Vertrauter. Laut Statuten ist das im Fall einer "dauerhaften Verhinderung" möglich.

Die Brüssel-Fraktion, die am Mittwoch auf eine Stimmabgabe verzichtet, wird sich nach Auffassung der Parlamentsjuristen nicht darauf berufen können. Schließlich sind die fünf Politiker aus freien Stücken nach Belgien gereist und in ihrer Bewegungsfreiheit nicht behindert. Die Entscheidung darüber obliegt dem neu gewählten Parlamentspräsidium.

Dürfen die Politiker in Brüssel nicht mitstimmen, entsteht in Barcelona mit 65 zu 65 Stimmen eine Pattsituation zwischen Separatisten- und dem Lager, das für eine Einheit mit Spanien eintritt. Dann würde nur eine Enthaltung aus dem anderen Lager, vermutlich am ehesten von der katalanischen Podemos-Variante En Comú, einen prosezessionistischen Präsidenten garantieren. Gewählt werden soll Ende Januar.

Kompromisskandidat gesucht

Höchst umstritten ist auch die Frage einer möglichen Wahl Puigdemonts in Abwesenheit. Auf Twitter kursiert seit Tagen ein Bildchen, das einen per Videobeamer aufs Rednerpult projizierten Puigdemont zeigt: Der bisher einzige Präsidentschaftskandidat will sich per Videoschalte wählen lassen. Er hat Angst, bei der Rückreise nach Barcelona von der Nationalgendarmerie verhaftet zu werden. Die Linksrepublikaner stehen der Idee einer Fernwahl aber skeptisch gegenüber.

Und Spaniens Premier Rajoy hat bereits angekündigt, in einem solchen Fall vors Verfassungsgericht zu ziehen. Für genauso absurd hält Spaniens Ministerpräsident das Szenario, das Junts per Catalunya zuletzt diskutiert hat. Danach soll Puigdemont als Spiritus Rector von Brüssel aus regieren – und die Alltagsgeschäfte in Barcelona in die Hand einer Vertrauten oder eines Vertrauten legen. Humbug, sagt Rajoy.

Eine Regierung via Skype hält auch Verfassungsrechtler Eduard Roig für ausgeschlossen. "Als politische Geste könnte so ein Schachzug vielleicht kurzfristig die Bedürfnisse eines Teils der Unabhängigkeitsbewegung befriedigen. Aber auf Dauer werden symbolische Präsidenten bedeutungslos. Wer die Verantwortung trägt, ist derjenige, der die Amtsgeschäfte führt."

Ende des Monats soll Puigdemont in Barcelona sein

Die einzige Chance für Puigdemont, Katalonien noch einmal zu regieren, ist, nach Spanien zurückzukehren – trotz des drohenden Haftbefehls. Ob er das tatsächlich tun wird? "Wir rechnen damit, dass er Ende des Monats in Barcelona sein wird", heißt es etwas unbestimmt aus seiner Fraktion. Gleichzeitig kursieren Gerüchte über mögliche Alternativjobs in Brüssel: Puigdemont könnte sich für die Europawahl im nächsten Jahr aufstellen lassen. "Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird eine Wiederwahl", sagt Eduard Roig.

Der Verfassungsrechtler glaubt, dass sich das Unabhängigkeitslager stattdessen am Ende auf einen unbescholtenen Alternativkandidaten einigen wird. Wenn der dann im Rahmen der spanischen Verfassung agiert und auf extreme Machtproben mit Madrid, beispielsweise eine neue einseitige Unabhängigkeitserklärung, verzichtet, wäre das auch für Mariano Rajoy eine akzeptable Variante. "Andernfalls drohen erneute  Zwangsmaßnahmen", sagt Roig, "diesmal vermutlich mit sehr viel härteren Eingriffen und einer dauerhaften Suspendierung der Autonomie – wie das etwa in Nordirland mehrfach geschehen ist."

Die immer noch andauernde Zwangsverwaltung nach Artikel 155 der Verfassung hat auch in der jungen Legislatur bereits Spuren hinterlassen. Die prosezessionistischen Parlamentarier, die am Mittwoch von den Kamerapulks in den Fluren umringt werden, wählen ihre Worte mit Bedacht. Das Wort "Unabhängigkeit" erwähnt Gerard Gómez del Moral von den Linksrepublikanern erst auf Nachfrage. Man wolle mit Madrid verhandeln, endlich eine politische Lösung für ein politisches Problem finden, sagt er. Im Zentrum dieser Legislatur stünden aber die sozialen Rechte und die Bürgerrechte.