Emmanuel Macron und Angela Merkel traten am selben Tag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos auf. Beider Reden wurden mit Spannung erwartet, denn von beiden hängt die Zukunft der Europäischen Union ab. Es ist bekannt, dass sich Macron und Merkel – wenn es um Europa geht – eng abstimmen. Ließ sich in ihren Reden also das Europa erkennen, das sie gemeinsam bauen wollen? Läuft der deutsch-französische Motor wieder?

In der Analyse sind sich die geschäftsführende deutsche Kanzlerin und der französische Präsident offenbar einig: Europa lebt in einer gefährlichen Umgebung, es hat zu wenig getan, um seine Nachbarschaft zu gestalten, es ist zu langsam, zu schlafmützig, zu selbstzufrieden – und spätestens seit der Migrationskrise ist es auch tief gespalten.

Die Versuchung, aus der Globalisierung auszusteigen, wächst in Europa. Es macht sich eine protektionistische Sehnsucht breit. Die Gefahr des Populismus ist nicht gebannt, weder in Deutschland noch in Frankreich noch in anderen europäischen Ländern. Soweit die Zustandsbeschreibung der geschäftsführenden deutschen Kanzlerin und des amtierenden französischen Präsidenten.

Merkel und Macron wollen diese Gefahren bekämpfen, indem sie ein wettbewerbsfähiges Europa bauen, das "niemanden zurücklässt", wie Merkel sagte. Macron sprach von einem Europa, das seine Bürger schützt und ihnen gleichzeitig etwas abverlangt, nämlich mehr Bereitschaft zum Wettbewerb. Sie wollen, dass die EU die Globalisierung gestaltet und nicht aus ihr aussteigt.

Dazu muss die EU stark sein, stärker als ihre Konkurrenten China und USA. Macron benannte den in seinen Augen entscheidenden Wettbewerbsvorteil Europas. Nirgendwo sonst gibt es eine so einmalige Balance zwischen Freiheit und Fairness. Es gebe sie nicht in den USA und nicht in China. 

Keine konkreten Vorschläge, keine neuen Ziele

Das alles haben die beiden schon öfters in unterschiedlicher Intensität gesagt, es ist also bekannt. Aber welche konkreten Schritte sollen folgen? Sind sich die beiden darüber einig? Wie wollen sie die EU voranbringen? Auch hier nur in recht allgemeinen Worten das sattsam Bekannte: Digitalisierung meistern, Grenzen sichern, Euro befestigen, Verteidigung ausbauen. Wie die beiden das erreichen wollen, das ist nicht klar geworden – dafür ist die Davoser Bühne wohl auch nicht da.

Doch ein Widerspruch ist deutlich zu Tage getreten. Beide betonten den Wert des Multilateralismus. Er sei der einzig richtige Weg, um die Probleme der Welt zu bewältigen, vom Klimawandel über die wachsende soziale Ungleichheit. Und die EU mit ihren 28 Mitgliedstaaten sei eine tägliche Übung in diesem schwierigen Geschäft, auch das also ein Wettbewerbsvorteil.

Gleichzeitig aber sagte Macron in seiner ihm eigenen Verve, dass man nicht auf die Bremser in der EU Rücksicht nehmen wolle. Wer weniger Ambitionen hat als wir, der soll zurückbleiben. Das ist die Botschaft des französischen Präsidenten. Einige osteuropäische Staatschefs werden diese Botschaft als Fehdehandschuh verstehen. "Ihr wollt nicht mitziehen? Dann bleibt da, wo ihr seid und behindert uns nicht weiter!" Bei Merkel klingt es meist anders: Sie redet etwas bürokratischer vom Europa der beiden Geschwindigkeiten.

Wie aber verhält sich das zum Multilateralismus, den Merkel und Macron in Davos so innig beschworen? Auf die Antwort darf man gespannt sein.