Hat er wirklich "shithole countries" gesagt? Die Zeugen streiten noch. Einige US-Senatoren wollen bei einem Treffen mit dem Präsidenten im Oval Office auch "shithouse" verstanden haben. Unumstritten ist, dass Donald Trump sich fragt, warum die Vereinigten Staaten so viele Menschen aus, sagen wir mal, demokratisch, institutionell und wirtschaftlich suboptimal entwickelten Staaten Lateinamerikas und Afrikas aufnehmen. 

Einigermaßen reflexhaft hieß es daraufhin, Trump sei ein Rassist, schließlich zeige seine Äußerung, dass er Menschen bestimmter Herkunft weniger Wert zumesse als anderen. Diese Schlussfolgerung folgt allerdings nicht notwendig aus Trumps "shithole"-Frage. Denn die Beleidigung eines Landes als "Drecksloch" ist noch nicht rassistisch. Und eine Regierung, die Einwanderung aus unterschiedlichen Ländern unterschiedlich streng reglementiert, ist es ebenfalls nicht zwingend. Sonst wäre es auch die Bundesregierung. (Dass Trump eine Menge Leute für minderwertig hält, vor allem solche, die nicht Trump heißen, folgt im im Übrigen mindestens aus seiner Twitter-Historie.)

Lohnender als der Streit darum, wie geistig schlicht der US-Präsident genau ist, könnte in Zeiten nie dagewesener weltweiter Migrationen womöglich diese Frage sein: Warum sind manche Länder Dreckslöcher und manche nicht?

Die ewige Schuld des Westens

Eine ebenfalls etwas reflexhafte Antwort darauf lautet, "der Westen" sei schuld daran, dass in vielen Ländern des globalen Südens der Lebensstandard erschütternd gering ist. Wer schließlich habe Millionen Afrikaner als Sklaven nach Amerika verschleppt? Wer habe kolonisiert, gemordet, unterdrückt und ausgebeutet? Wer bediene sich bis schamlos heute an den Bodenschätzen, billigen Arbeitskräften, und wer fische die Küstengewässer Westafrikas leer? Wer, wenn nicht "Anglo-Amerika", habe "zwei Jahrhunderte lang die Überschüsse der Weltgeschichte" produziert und sei damit verantwortlich für den "globalen Bürgerkrieg von heute", wie es der britisch-indische Autor Pankaj Mishra in seinem Buch Age of Anger formuliert?

Das ist alles nicht falsch. Nur: All die vergangenen Untaten und aktuellen Ungerechtigkeiten reichen als Erklärung für das hartnäckige, dramatische Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Nationen nicht aus. Sie erklären zum Beispiel nicht, warum das Pro-Kopf-Einkommen zweier Fast-Nachbarländer in Subsahara-Afrika wie Mosambik und Botswana derartig unterschiedlich ist. In Mosambik verdient der Durchschnittbürger laut Zahlen des IMF kaum 500 Dollar jährlich, in Botswana sind es fast 8.000 Dollar, was ungefähr dem Wohlstand im EU-Mitgliedsstaat Bulgarien entspricht.

"Anglo-Amerika", das die Sklaverei vor 150 Jahren abschaffte, oder die einstige französische Kolonialmacht können auch kaum schuld daran sein, dass Niger als erstes westafrikanisches Land überhaupt die Sklaverei erst im Jahr 2003 unter Strafe stellte – und sie danach trotzdem weit verbreitet blieb.

Nein, man muss schon über die (Selbst-)Bezichtigung des Westens hinaus fragen, wieso so viele antikolonialistische "Befreier" Afrikas die Methoden der Kolonialherren kopierten, anstatt sich an liberalen Demokratien zu orientieren. Denn zum Ausbeuten gehören immer zwei: Westliche (oder chinesische Konzerne) einerseits und afrikanische Regierungen, die es zulassen, dass Ausländer die Reichtümer ihrer Nationen plündern, andererseits.