Aseels gelbes Taxi fährt immer auf der linken Spur. Hinter ihm hupen die dicken SUVs, geben Lichtzeichen und überholen schließlich rechts. Doch Aseel lässt sich dadurch nicht beeindrucken. Er bleibt auf der Überholspur. 160 Kilometer sind es von Bagdad nach Tikrit, und Aseel erzählt von seinem Leben.

Sieben Jahre lang sei er bei der Armee gewesen, habe in Anbar mitgekämpft, als Faludscha und Ramadi vom "Islamischen Staat" (IS) befreit wurden, war im Wechsel auch im Bagdader Stadtteil Khadamija stationiert, wo der Secret Service sein Hauptquartier während der Operation in Anbar hatte – Iraks flächenmäßig größte Provinz, nordwestlich von Bagdad. Aseel hat eine Spezialausbildung beim Geheimdienst durchlaufen und führte amerikanische und andere westliche "Besucher" sicher durch die Stadt. Er sei "Bagdadi" durch und durch, sagt der 27-jährige Iraker, liebe seine Stadt. Im März kehrte er nicht mehr von einem Heimaturlaub zur Truppe zurück.

Aseel ist müde, ausgelaugt und hat viele Kameraden sterben sehen. Bin ich der Nächste, habe er sich immer gefragt. Er hat Frau und zwei Töchter und gilt nun als Deserteur. Denn obwohl der IS offiziell besiegt ist, wird noch immer gekämpft – vornehmlich in Anbar, aber auch in der Provinz Kirkuk. Wollte Aseel zurück zur Armee, müsste er ein Rechtsverfahren über sich ergehen lassen, einige Monate ins Gefängnis und würde dann wieder eingegliedert werden. Doch Aseel fährt jetzt lieber Taxi.

Links und rechts der Autobahn nach Tikrit sieht man gesprengte und zerschossene Häuser. Die Zerstörung ist niederschmetternd. Viele Dörfer sind auch Monate nach ihrer Befreiung noch unbewohnbar. Ganze Landstriche sind völlig verwaist. "Hier war überall Daesh", sagt Aseel und nennt die Terrormiliz IS bei ihrem arabischen Namen.

Eine Milliarde in zwei Jahren, alles ausgegeben

Eigentlich hatten die Amerikaner das meiste Geld für den Wiederaufbau des Iraks zugesagt, sind ihren Verpflichtungen aber nicht in vollem Umfang nachgekommen. So rückte Deutschland auf Platz eins der Geberländer. Je 500 Millionen Euro wurden in den vergangenen beiden Jahren in den Irak geschickt – eine große Summe, doch sie erscheint kaum ausreichend angesichts der enormen Schäden, die drei Jahre Herrschaft des IS im Land hinterlassen haben.

Wohin die deutschen Millionen geflossen sind, versuchte eine Anfrage der Grünenfraktion im Bundestag zu ergründen. Es sei alles ausgegeben worden, antoworteten das Außenministerium in Berlin und das Entwicklungsministerium (BMZ), das den größten Anteil verwaltete. Das meiste Geld wurde für Binnenflüchtlinge zur Verfügung gestellt, zum Aufbau der Lager und zur Betreuung der Menschen. Rund drei Millionen Iraker seien innerhalb des Landes vor dem IS auf der Flucht gewesen, sagt die Uno. Die Deutschen investierten ihr Geld vor allem in den Kurdengebieten, wo viele Flüchtlinge ankamen und viele Nichtregierungsorganisationen ansässig sind. Im Rest des Iraks wurden nur wenige Projekte finanziert. Eines davon ist Tikrit.

Der siebte Kontrollpunkt nach der Hauptstadt verrät gleich, wer hier das Sagen hat: Saraja Salam, die sogenannte Friedensbrigade des Schiitenführers Mokhtada al-Sadr. Während von Bagdad bis hierher irakische Armee und Polizei gemeinsam die Fahrzeuge kontrollieren, wechselt nun die Farbe der Uniformen. 125 Kilometer nördlich von Bagdad liegt Samarra. Mit seinem goldenen Schrein und dem Spinalminarett ist die Stadt zum Sinnbild im Kampf gegen die Dschihadisten des IS geworden.

"Wir bauen Tikrit wieder auf"

In Samarra prallten Sunniten und Schiiten aufeinander. Der IS bekam zum ersten Mal Gegenwehr von Schiitenmilizen. Bis dahin konnten die Dschihadisten im Juni 2014 weitgehend ungehindert ihren Blitzkrieg fortsetzen, bis der irakische Großajatollah Ali al-Sistani seine Anhänger zur Verteidigung religiöser Stätten aufrief. Danach formten sich unzählige Milizenverbände, die vom iranischen Generalmajor Qassem Soleimani befehligt wurden. Der übermächtige Kommandeur der Al-Quds-Einheit, einer Division der Iranischen Revolutionsgarde, galt lange Zeit als der eigentliche Herrscher über Bagdad. Jetzt geht er auch in Damaskus ein und aus. Soleimani verhinderte, dass der IS die für Schiiten heilige Stadt erobern konnte und kommandierte von Samarra aus den Feldzug zur Rückeroberung von Tikrit – nach Mossul die zweite Stadt, die der IS erobern konnte, und die erste, die ihm wieder genommen wurde. Einen Monat dauerten die Kämpfe um Saddam Husseins einstige Heimatstadt. Am 31. März 2015 war Tikrit befreit, neun Monate nach der Einnahme durch die Terrormiliz.

Für die Bundesregierung ist Tikrit die Erfolgsgeschichte ihrer Irakhilfe schlechthin. Besonders in Kreisen der SPD wurde der Wiederaufbau Tikrits in den höchsten Tönen gelobt. "Wir bauen Tikrit wieder auf", verlautete es sogar in manchen SPD-Ortsverbänden. Der ehemalige Außenminister und jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte Tikrit als gelungenes Beispiel und Vorbild für weitere Städte, wie nach der Befreiung vom IS rehabilitiert werden könne. Auch Thomas Silberhorn (CSU), parlamentarischer Staatssekretär im BMZ, preist die Stabilisierungshilfen für Tikrit. In einer Stellungnahme für den Bundestag über Ziel und Zweck der verwendeten Mittel sagt er: "Im Rahmen der Stabilisierungsfazilität wird zerstörte Basisinfrastruktur rehabilitiert, werden Beschäftigungsmöglichkeiten geboten und die Arbeit der Regierungsstrukturen gestärkt." Deutschland habe bis Ende 2016 insgesamt 60,1 Millionen Euro für Tikrit ausgegeben und an die Uno weitergereicht. Viele frühere Bewohner seien zurückgekehrt. "Die Bevölkerung der Stadt Tikrit besteht nach der Befreiung vom IS und der Rückkehr der meisten Binnenvertriebenen wie zuvor fast ausschließlich aus Sunniten." Woher er das weiß, verrät er nicht.