Anthrazitfarbener Anzug, ernster Blick, kurzer Handdruck. Der Presidente ist kurz angebunden und wirkt viel ernster und sachlicher, als man es von dem jovialen Volkstribun kennt. Luiz Inácio ("Lula") da Silva, Brasiliens Präsident von 2003 bis 2010, nimmt am Kopfende eines Konferenztisches Platz. Er ergreift nicht mal als Erster das Wort, sondern lässt seinem Rechtsanwalt den Vortritt: zehn Minuten Kurzvortrag über Lulas rechtliche Lage. 

Ja, sagt der Anwalt, "der große alte Mann der brasilianischen Arbeiterbewegung" habe am kommenden Mittwoch einen entscheidenden Termin vor Gericht. In zweiter Instanz werden drei Richter über ein Korruptionsverfahren urteilen, neuneinhalb Jahre Haft lautete das erstinstanzliche Urteil im Juli. Es geht um eine große Wohnung, die ihm Freunde in der Wirtschaft überlassen haben sollen – aber es geht auch um die Zukunft Lulas und die des ganzen Landes. Der 72-jährige Politiker will nämlich nicht ins Gefängnis. Er will nochmal an die Macht. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 will er erneut für sein altes Amt kandidieren.

Damit will Lula einen Rechtsruck rückgängig machen, den das Land seit 2016 erlebt: Damals wurde seine auserwählte Nachfolgerin Dilma Rousseff in einer ungewöhnlichen Machtergreifung der konservativen Opposition aus dem Präsidentenpalast gedrängt. Sie verlor ein Misstrauensvotum und ihr Nachfolger entschied sich ohne Wählerauftrag zu Sparprogrammen und einer Politik, die den Interessen von Industriellen und Großgrundbesitzern entgegenkommt.

ZEIT ONLINE: Sie behaupten, dass die Korruptionsverfahren gegen Sie allesamt politisch motivierte Erfindungen sind?

Luiz Inácio Lula da Silva: Über die bevorstehende Richterentscheidung kann ich heute nicht viel sagen – aus juristischen Gründen. Aber dieser ganze Prozess begann schon mit einer Lüge in der Zeitung Globo. Die schrieb, dass diese Wohnung mir gehöre. Dann legte die Bundespolizei Ermittlungen voller Lügen vor. Die Staatsanwaltschaft griff sie auf – ein Fehler. Ein noch größerer Fehler war, dass der Richter sie als Wahrheit akzeptierte. Das alles erweckt bei mir den Eindruck, dass wir es mehr mit einem politischen als mit einem juristischen Urteil zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Ein harter Vorwurf.

Lula: Als der zuständige Staatsanwalt den Fall präsentierte, ohne Beweise, machte er sogar eine PowerPoint-Präsentation. Für das ganze Land sollte es so aussehen, als sei die Arbeiterpartei PT (die Lula da Silva mitgegründet hat, Anm.d.Red.) eine kriminelle Organisation. Als sei sie entstanden und an die Regierung gekommen, um das Land auszurauben.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie kommende Woche verurteilt werden: Wollen Sie mit Ihrer Kandidatur noch weitermachen?

Lula: Das Wort "Aufgeben" kenne ich nicht. Wenn ich verurteilt werde, werde ich in Berufung gehen und zwei Tage später nach Äthiopien fliegen. Dort werde ich auf einer Konferenz über den Welthunger sprechen. Die ganze Welt weiß, dass Brasilien die beste Politik für die Hungerbekämpfung entwickelt hat. Meine Regierung war darin überaus erfolgreich. Später werde ich einen großen Umzug meiner Unterstützer in Brasilien anführen, eine Karawane. Wir marschieren erst im Süden des Landes und dann im Norden. Die Arbeiterpartei hat bewiesen, dass sie das Land gut regieren kann, dass Brasilien im Ausland Ansehen genießen kann, dass sie viel Wirtschaftswachstum schaffen kann.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Brasilianer unterstützen Sie. Manche demonstrieren hasserfüllt gegen Sie ganz persönlich, auf Demonstrationen fordern sie: "Lula muss ins Gefängnis!" Wie kommt das?

Lula: Als ich 2003 zur Wahl angetreten war, sagten meine Gegner, ich werde mich blamieren. Sie sagten auch, ich werde die Wirtschaft ruinieren. Dann schafften wir eine der besten Epochen für die brasilianische Wirtschaft überhaupt – und verteilten die Einnahmen auch im Volk. Denn wenn Sie das nicht machen, machen Sie nur einige Reiche reicher. Wir haben arme Leute des Landes zu respektierten Bürgern dieses Landes gemacht, die über ihre Rechte Bescheid wissen. Man sieht diese Leute jetzt überall in Einkaufszentren oder an den Flughäfen.

Der Aufstieg der Armen war aber auch eine Quelle für den Hass eines ganz bestimmten, anderen Teils der Gesellschaft. Dieser Teil will im öffentlichen Raum keinen Platz für andere machen. Er glaubt nicht an Demokratie. Das zeigte sich zuletzt in den Kampagnen der Opposition. Da wurde eine Politik des Hasses betrieben. Können Sie sich in Ihrem Land etwa vorstellen, dass ein Politiker, wenn er ein Restaurant betritt, erst mal ausgepfiffen und beschimpft wird? Meiner Meinung nach stehen hier Grundlagen der Demokratie auf dem Spiel.