Wie die weltweite Sexismusdebatte auch Frankreich verändert, hat sich vergangene Woche exemplarisch gezeigt. Und zwar binnen weniger Stunden: Ein konservativer Abgeordneter warf der Präsidentin der Gesetzeskommission im Parlament vor, ihm "Ratschläge wie eine Mutter" zu erteilen. Der junge Republikaner wurde daraufhin öffentlich gerüffelt. Auch Gleichstellungsministerin Marlène Schiappa mahnte an: Es gehöre sich nicht, eine Politikerin als "Mutter" zu bezeichnen.

Solch eine offizielle Reaktion wäre vor wenigen Jahren sicherlich ausgeblieben. Wenige Stunden später wurde ein Wahlkampfleiter der Sozialisten in Untersuchungshaft genommen: Der Mann soll während der Präsidentschaftskampagne 2017 mehrere Frauen belästigt haben. Fünf der mutmaßlichen Opfer haben ihn angezeigt.

Die Enthüllungen über den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein haben auch die französische Gesellschaft verändert: Sexisten und übergriffige Männer werden häufiger angeprangert. Nach den jüngsten Zahlen des Pariser Innenministeriums erhöhte sich die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Belästigung um 30 Prozent, wobei die Kurve nach Bekanntwerden des Weinstein-Skandals besonders drastisch stieg. Deshalb geht die Behörde auch davon aus, dass nicht die Zahl der Delikte zunimmt, sondern dass Frauen "nach der Affäre mehr Übergriffe offenlegen, häufig auch schon ältere Vergehen".

Insgesamt wurden 2017 in Frankreich mehr als 40.000 sexuelle Übergriffe zur Anzeige gebracht, in mehr als 90 Prozent der Fälle waren Frauen betroffen. Die tatsächliche Anzahl der Übergriffe dürfte noch weit höher liegen: Anhand einer Umfrage kalkuliert das Innenministerium mit rund einer Million Betroffenen pro Jahr in Frankreich. "Wir sind froh, dass nun endlich mehr Opfer sprechen", sagt Karine Lejeune, Sprecherin der französischen Polizei. Häufig würden Frauen keine Anzeige erstatten, weil sie sich schämten oder Angst vor dem Vergewaltiger oder Bedränger hätten, der häufig aus der Familie stamme.

Bußgelder für dumme Anmachen und sexistische Beleidigungen

Mit Marlène Schiappa hat Frankreich eine Gleichstellungsministerin, die Täter hart bestrafen lassen will. Zusammen mit Justizministerin Nicole Belloubet entwickelt sie ein Gesetz, das Anmachen und Belästigungen nicht nur im Job oder in der Familie, sondern auch auf der Straße eindämmen soll. Das Gesetz trägt den Namen "outrage sexiste" – also etwa "sexistische Beleidigung" – und soll am 7. März vorgestellt werden, kurz vor dem Internationalen Frauentag.

Drei Dinge sind geplant: Jugendliche sollen mindestens 13, vielleicht sogar 15 Jahre alt sein, um Geschlechtsverkehr im juristischen Sinne "zustimmen" zu können, das genaue Alter wird noch diskutiert. Damit soll verhindert werden, dass Mädchen beim ersten Sex überrumpelt werden oder dass ihre Unerfahrenheit ausgenutzt wird. Außerdem sollen sexuelle Übergriffe später verjähren – nach 30 Jahren und nicht wie bisher nach 20.  

Vor allem aber eine Neuerung ist für viele Französinnen revolutionär: Künftig sollen Männer Bußgelder bezahlen müssen, wenn sie einer Frau auf der Straße hinterherrufen, ihr auf bedrohliche Weise folgen oder in der U-Bahn zu dicht aufrücken. "Frauen sollen sich überall und zu jeder Tageszeit unbekümmert in der Öffentlichkeit bewegen können", sagt Ministerin Schiappa. Wer Frauen herabsetze oder bedränge, solle künftig mindestens 90 Euro zahlen müssen, vielleicht auch mehr.

Bislang bestraft das Gesetz nur Beleidigungen und körperliche Aggressionen, die eher diffuse Bedrohung in Bussen und auf öffentlichen Plätzen blieb meist folgenlos. Mehr Streifenpolizisten und -polizistinnen sollen dafür sorgen, dass die Täter auch tatsächlich verfolgt werden. Auch Kontrolleure in den U-Bahnen oder Busfahrer sollen Geldstrafen verhängen dürfen.