Mehr und mehr Amerikaner verzweifeln an ihrem Präsidenten Donald Trump, den eine Minderheit von ihnen ins Weiße Haus gewählt hat. Einen Mann "ohne Überzeugungen und Rückgrat", der "kein Thema gemeistert" hat, der "alles aus dem Ärmel schüttelt", wie er in dem Buch Fire and Fury von Michael Wolff treffend beschrieben wird; ständig beleidigt und beleidigend, ein Verdreher der Wahrheit und ein überheblicher Gegner von Institutionen und Ideen.

Noch halten viele seiner Wähler zu ihm; sie haben noch nicht begriffen, dass er sich ihre Stimmen durch Lügen erschlichen hat. Aber nur noch wenig mehr als ein Drittel der Wähler billigt seine Amtsführung. Die übrigen ersehnen seine Ablösung – spätestens in der Präsidentenwahl 2020.

Und ganz plötzlich sehen viele die Erlösung am Horizont: Oprah Winfrey, die amerikanische Talkshowlegende. Eine Afroamerikanerin, die sich aus bitterster Armut zur mehrfachen Milliardärin emporgearbeitet hat. Als Gelegenheitsschauspielerin (Die Farbe Lila), erfolgreiche Talkmasterin, Buchclubmoderatorin, Fernsehunternehmerin, "Beichtmutter der Nation" und großzügige Mäzenin ist sie dem US-Publikum ein Begriff wie kaum jemand sonst.

Bei der Verleihung der Golden Globes in Hollywood fand die 63-Jährige in einer neunminütigen Rede Worte gegen sexuellen Missbrauch und brutales Machotum, die ihre Zuhörer von den Stühlen rissen: "Viel zu lange wurde Frauen nicht zugehört oder nicht geglaubt, wenn sie wagten, den Männern mit Macht über sie die Wahrheit zu sagen. Doch deren Zeit ist um. Ein neuer Tag dämmert am Horizont herauf. Und wenn dieser Tag endlich anbricht, wird niemand noch einmal 'me too' sagen müssen."

Das Echo war gewaltig. Seitdem wird Oprah Winfrey als nächste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gehandelt. In einer ersten Umfrage kam sie auf 48 Prozent, Trump schaffte nur 38 Prozent. "Warum diese Frau das Zeug zur Präsidentin hat", jubelte die Bild-Zeitung. Skeptischer wies die FAZ-Autorin Ursula Scheer darauf hin, dass "Amerikas nächste Erlöserin" auch ziemlich umstritten ist; weswegen, ist in ihrem Bericht, aber auch auf Wikipedia nachzulesen.

Ich will mich darauf nicht weiter einlassen. Ich habe einen ganz anderen Grund zur Skepsis. Es reicht nicht, dass sie das Publikum von den Stühlen reißt. Es reicht auch nicht, dass sie in vieler Hinsicht das Gegenteil von Donald Trump ist. Entscheidend ist, dass sie ihm in einem ausschlaggebenden Punkt ähnelt: Sie hat keinerlei politische Erfahrung. Doch die Politik darf kein Spielplatz für Promis werden.

Da teile ich voll und ganz die Ansicht von Edward Luce, dem Washingtoner Korrespondenten der Financial Times. Er schreibt: "Ich will Berühmtheiten nicht gering schätzen. Amerika hat die celebrity erfunden. (…) Das Problem ist, dass die Promikultur die Politik übernimmt; fürs Regieren ist da Hopfen und Malz verloren. Wäre die Politik ein Popularitätswettbewerb, verdiente Frau Winfrey zu gewinnen. (…) Aber es gibt nichts in Frau Winfreys Werdegang, dass sie in den Stand versetzen würde, die Themen Zukunft der Arbeit oder Chinas Aufstieg anzupacken." Auf die Macht wäre sie nicht besser vorbereitet als Trump. Eine Wahl Winfreys, meint Luce, würde Amerikas Schicksal als ein Land besiegeln, das die Politik nicht mehr ernst nimmt.

Die amerikanische Demokratie sollte – nachzulesen in den Federalist Papers und bei Alexis de Tocqueville – gemäß der Verfassung eine "Tyrannei der Mehrheit", die Herrschaft des Mittelmaßes und jede Pöbelherrschaft verhindern. An Celebritys dachten die Gründerväter noch nicht. Heute würden sie mit Sicherheit zwischen Governance und Entertainment, Regierungsführung und Unterhaltung also, eine hohe Mauer errichten. Ronald Reagan ist kein Gegenargument; er begann zwar als Schauspieler, lernte aber als zweimaliger Gouverneur von Kalifornien die Arkana der Politik: Kompromiss und Kooperation.

Tocqueville konnte noch schreiben: "Die Politik der Amerikaner ist der ganzen Welt gegenüber einfach, man könnte beinahe sagen, niemand habe die Amerikaner nötig, und sie hätten niemanden nötig … Der Präsident kann häufig seine Ansichten ändern, ohne dass der Staat darunter zu leiden hat oder zugrunde geht … Die auswärtigen Gefahren sind nie drängend. Die Wahl des Präsidenten bringt Unruhe, nicht Verderben." Dies hat sich von Grund auf geändert. Amerika hat heute andere nötig, andere haben Amerika nötig. Der Maga-Präsident Trump – Make America Great Again – hat es jedoch in zwölf Monaten fertiggebracht, Amerika weltpolitisch so kleinzukriegen, wie es seit 100 Jahren nicht mehr war. Seine Innenpolitik ist nicht minder verstörend.

Nicht nur wegen der Außenpolitik wäre Oprah Winfrey, trotz all ihrer Talente und Tugenden, die falsche Nachfolgerin. Schon die Herrschaft der Populisten ist der Niedergang der Demokratie. Die nächste, verheerende Stufe wäre die Herrschaft der Promis, die nichts anderes mitbringen als ihre Prominenz.

Günther Jauch, ehe er sich ganz der Quizzerei ergab, hätte ich mir als Bundespräsidenten gut vorstellen können (Dieter Bohlen nicht). In der gegenwärtigen Ära der innenpolitischen Unwägbarkeiten ist mir Frank-Walter Steinmeier aber doch lieber. Besser, die Schuster bleiben bei ihren Leisten.