ZEIT ONLINE: In den österreichischen und deutschen Wahlkämpfen spielten Social Media eine wichtige Rolle. Auch die neue österreichische Bundesregierung von Sebastian Kurz vermarktet sich massiv über Instagram, Facebook und Twitter. Sie sagen, dass Politik dadurch inhaltlich ausgehöhlt wird – zum Schaden der Demokratie. Ist das nicht etwas drastisch?

Laura Wiesböck: Politik wird immer schon personalisiert dargestellt. Herrscher haben Gemälde von sich malen lassen, später kam Fotografie dazu, dann das Fernsehen. Die Logik von Social Media verstärkt diesen Trend. Heute wählt man keine Partei, sondern eine Person. Und das kann Auswirkungen haben, die aus demokratischer Sicht bedenklich sind.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Laura Wiesböck ist Soziologin an der Universität Wien. Sie studierte am CUNY Graduate Center (Immigration Research Initiative) in New York und an der Universität Oxford und beschäftigt sich unter anderem mit sozialer Ungleichheit, politischer Kommunikation und Framing sowie Frauen- und Geschlechterforschung. © privat

Wiesböck: Die Art und Weise, wie demokratische Prozesse funktionieren, wird unzutreffend wiedergegeben. Barack Obama war 2009 der hero of change, von dem viele Reformen erwartet wurden, unter anderem im Gesundheitssystem. Als das im Kongress nicht unmittelbar durchgegangen ist, gab es Enttäuschungen, einige haben sich von ihm abgewandt. Was ich damit sagen möchte: Die Inszenierung des Politischen basiert auf der individuellen Ebene, im demokratischen System geht es aber um kollektive Prozesse. Mehrheiten entscheiden, nicht einer allein. Das tritt durch die rein personalisierte Inszenierung in den Hintergrund.

ZEIT ONLINE: Eine Einzelperson kann trotzdem politische Inhalte transportieren.

Wiesböck: Ja, aber die politischen Programmatik spielt bei der Inszenierung eine untergeordnete Rolle. Die Grenze zwischen Popkultur und Politik verschwimmt zunehmend, damit verändert sich auch der Beruf des Politikers. Der Privatbereich nimmt eine größere Rolle ein, man steht stärker unter Dauerbeobachtung. Christian Kern etwa …

ZEIT ONLINE: Der frühere SPÖ-Kanzler und derzeitige Oppositionsführer, der sich auf Instagram gerne als eine Mischung aus James Bond und Humphrey Bogart präsentiert hat …

Wiesböck: Kern stellt Selfies auf seine Seite, darunter auch private Momente, etwa wie er mit seiner Frau ein Konzert besucht. Das vermittelt ein Gefühl von Intimität, das für Wähler wichtig ist, um Vertrauen zu gewinnen. Sebastian Kurz zeigt überwiegend professionell gemachte Fotos im politischen Umfeld – dennoch gibt es bei ihm regelmäßig Hunde-Content. Diese Art der Visualisierung von Politik führt auch dazu, dass das Aussehen wie Jugendlichkeit, ein schlanker, durchtrainierter Körper und die Kleidung noch wichtiger geworden sind. Es geht nicht primär darum, ob jemand geeignet ist, einen Staatshaushalt zu führen, sondern, ob man die Person authentisch findet oder sich mit ihrem Lebensstil identifiziert. Wenn all das wichtige Kriterien für politischen Erfolg sind, dann ist der Beruf nur noch für bestimmte Personen geeignet.

ZEIT ONLINE: Diese Analyse ist nicht neu. Seit es Massenmedien gibt, wird darüber geklagt. Immer dann, wenn sich politische Kommunikation ändert, beschweren sich Intellektuelle darüber.

Wiesböck: Politische Kommunikation hat sich immer an die Veränderungen in der Gegenwartsgesellschaft angepasst. Über Social Media aber können sich Politiker visuell inszenieren, wie sie möchten, ohne kritische, journalistische Zwischeninstanz. Politiker wirken so zugänglicher, sie haben viel mehr Präsenz im alltäglichen Leben von Menschen als das jemals zuvor der Fall war.

Sind soziale Netzwerke ein Nährboden für Populismus?

ZEIT ONLINE: Man erreicht damit auch Leute, die sich sonst überhaupt nicht mit Politik auseinandersetzen würden.

Wiesböck: Das stimmt. Aber diese Kanäle basieren auf einer visuellen oder verknappten Form der Kommunikation. Die Reduktion von Komplexität ist grundsätzlich auch sehr wichtig. Aber wenn zum Beispiel versucht wird, die Angst vor der Moderne durch einfache Lösungsvorschläge in einem Tweet abzumildern, dann ist das am Ende nicht im Sinne der Bürger.

ZEIT ONLINE: Sie meinen etwa die mantraartige Wiederholung von "Wir müssen die Mittelmeerroute schließen" von Sebastian Kurz im österreichischen Wahlkampf.

Wiesböck: Zum Beispiel, ja. Direktheit wird gerade in bildungsfernen Milieus geschätzt. Wenn man komplexe Sachverhalte im Detail ausdiskutiert, wird das oft als "nicht zum Punkt kommen" wahrgenommen. In Österreich hat das einerseits mit einer stark verankerten Intellektuellenfeindlichkeit zu tun, aber auch gängige Bilder von Maskulinität spielen dabei eine Rolle. Kulturwissenschaftler haben den Erfolg von Donald Trump unter anderem auf das dort etablierte Image des Cowboys zurückgeführt: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Es geht darum zu vermitteln, dass man etwas macht, dass man aktiv und durchsetzungsfähig ist. Es geht weniger darum, warum man das eigentlich machen muss, ob es zielführend und überhaupt durchführbar ist. Das ist nicht im Sinne der Demokratie. Und wenn Kommunikation nur noch verkürzt stattfindet, meist fokussiert auf Anekdoten, dann ist das natürlich ein Risiko. Noch einmal: Es ist wichtig, politische Kommunikation so anzulegen, dass sie zugänglich ist und nicht nur in einem elitären Rahmen diskutiert wird. Aber das sollte nicht gleichbedeutend damit sein, einfache Lösungsvorschläge für komplexe Sachverhalte in 280 Zeichen zu präsentieren.

ZEIT ONLINE: Sind soziale Netzwerke ein Nährboden für Populismus?

Wiesböck: Diese direkte Verbindung würde ich nicht herstellen. Sie fördern aber Blasen und die Fokussierung auf bestimmte Themen, Politiker können Nachrichten in ihrem Sinne lenken. 

ZEIT ONLINE: Fallen Medien zu oft darauf hinein?

Wiesböck: Gerade Rechtspopulisten sind versiert in der Art und Weise, wie sie Themen präsentieren oder, wie das der US-amerikanische Linguist George Lakoff nennen würde, "framen". Die Demokraten in den USA haben zum Beispiel im öffentlichen Diskurs von "tax cuts", Steuersenkungen, gesprochen. Die Republikaner haben dann begonnen, das Wort "tax relief", Steuererleichterung zu benutzen. Erleichterung bewirkt in den Köpfen der Menschen etwas sehr Positives, das klingt nach einer Verbesserung. Sie haben diese Bezeichnung zigfach wiederholt bis sie sogar die New York Times übernommen hat. Damit wurde das Thema in ein anderes Licht gerückt. Oder nehmen Sie Wörter wie "Flüchtlingsflut", "Flüchtlingswelle". Wenn mit Metaphoriken von Naturkatastrophen gearbeitet wird, ruft das automatisch ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit und Bedrohung hervor. Unabhängig davon, in welchem Kontext das Wort steht. Und diese Begrifflichkeiten werden von Journalisten leicht übernommen. Dabei wäre es wichtig, dass man sich nicht zu Spielfiguren von dieser Rhetorik macht.