Separatismus ist eine Sache für Reiche. Ob Flandern, die Lombardei oder Katalonien, es sind die reichen Regionen, die aus einem Staat wegwollen. Das nationale Erwachen beginnt ja meist mit der Frage: Warum sollten wir für die ärmeren Regionen eigentlich zahlen?

Es folgt die Legendenbildung. Wir sind ganz anders als die anderen, andere Mentalität, andere Kultur, andere Sprache, andere Geschichte; und wir werden in Zukunft eine ganze andere, eine leuchtende Zukunft haben – wenn man uns denn nur ließe!

So geht auch die Rede der katalanischen Separatisten. Sie sind damit recht erfolgreich gewesen. Bei den Wahlen am 21. Dezember erhielten die separatistischen Parteien knapp 2,2 Millionen Stimmen. Wahlberechtigt waren 5,5 Millionen Katalanen. Die Separatisten haben die Mehrheit der Mandate aber nur erreicht, weil das katalanische Wahlrecht die in den ländlichen Regionen abgegebenen Stimmen stärker gewichtet. Trotzdem fühlen sich die Separatisten in ihrem Kurs bestätigt. Sie wollen weiter die Abspaltung von Spanien betreiben.

Was sie nicht bedacht haben, ist, dass andere sich ihrer Logik bedienen könnten. Auch innerhalb Kataloniens gibt es reichere Regionen, Barcelona und Tarragona zum Beispiel. Nach den Wahlen haben sich einige Leute dort auch die Frage gestellt: Warum sollen wir für die ärmeren Katalanen zahlen? Und dann: In unseren Städten dominiert spanisch, wir sind industrialisiert, wir sind touristische Magneten, wir haben eine andere Mentalität, wir werden von Katalonien bevormundet und so weiter. 

"Katalonien raubt uns aus"

Gestellt haben diese Fragen Aktivisten, die die Website Barcelona is not Catalonia betreiben. Dort finden sich spiegelbildlich die Argumente der katalanischen Separatisten (etwa: "Katalonien raubt uns aus. Jedes Jahr überweisen wir 164 Millionen Euro").

Barcelona is not Catalonia war ursprünglich eine satirische Initiative und doch ist sie viel mehr als das. Denn sie zeigt, dass der Separatismus eine fatale Kettenreaktion auslösen kann. An ihrem Ende steht eine zersplitterte Gesellschaft.

Könnte Katalonien so enden wie Bosnien-Herzegowina? Ein kleines Land, das zwischen 1992 und  1995 von einem grausamen Krieg zerrissen wurde und bis heute vergiftet und gelähmt ist. Katalonien wird dieses Schicksal nicht erleiden, da sind sich alle sicher. Doch auch in Bosnien-Herzegowina hielt noch Tage vor Beginn des Krieges kaum jemand für möglich, was in den folgenden Jahren geschah.

Es wird weitere Absetzbewegungen geben

Historische Vergleiche hinken immer. Es geht aber darum, das Zerstörungspotenzial des Separatismus aufzuzeigen. Es ist grenzenlos. Denn es gibt immer Gruppen, die ärmer sind, die anders denken, anders arbeiten, anders sprechen, eine andere Geschichte haben. Aus solchen Gruppen lassen sich Nationen bilden. Dazu braucht es Geschick und Ausdauer. Und es müssen günstige Bedingungen herrschen. Die gibt es, nicht nur in Spanien.

Ob Globalisierung, Klimawandel oder Migration, der Druck auf die Nationalstaaten ist immens, und es ist nicht sicher, ob sie ihm standhalten können. Ebensolches gilt für die EU. Wir werden in Zukunft andere Absetzbewegungen sehen. Warum etwa sollte das prosperierende London Teil von England bleiben? Diese globalisierte Metropole könnte sich von Großbritannien lösen und als Stadtstaat mit der EU Sonderkonditionen aushandeln. Die Londoner haben schließlich gegen den Brexit gestimmt.