Im Syrien-Krieg hat die Türkei eine neue Kampflinie eröffnet. Die seit Tagen angekündigte Bodenoffensive gegen die von Kurden kontrollierte Stadt Afrin habe "de facto" begonnen, danach werde Manbidsch angegriffen, sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Zuvor hatten die türkischen Streitkräfte die Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG bereits aus der Ferne beschossen. Die Türkei hatte schon seit einigen Tagen an ihrer Grenze zu Syrien Soldaten und Panzer zusammengezogen.

Als Grund für den Angriff nannte der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli die "täglich steigende Bedrohung" gegen sein Land. Die Regierung in Ankara bezeichnet die syrisch-kurdische Miliz in Afrin als "Terroristen" und betrachtet die YPG als verlängerten Arm kurdischer Rebellen, die in der Türkei kämpfen.

Der seit Langem angekündigte Schlag der türkischen Regierung ist eine Reaktion auf Pläne der USA, eine 30.000 Mann starke Grenzschutztruppe in Nordsyrien aufzubauen. Diese soll sich aus Mitgliedern des Militärbündnisses Freie Kräfte Syriens (DKS) und der YPG zusammensetzen. Die Türkei befürchtet, dass damit an ihrer Grenze ein kurdischer Korridor entsteht. Die USA sehen die YPG als Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Auch die Türkei hatte die Kurden im Jahr 2017 in ihrem Kampf gegen den IS unterstützt. Jetzt bekämpft das türkische Militär die einstigen Verbündeten.

USA warnt die Türkei vor Gewaltanwendung

Heather Nauert, Sprecherin des Außenministeriums in Washington, sagte, die USA riefen die Türkei dazu auf, "keinerlei Maßnahmen dieser Art zu ergreifen". Der Fokus beim Einsatz in Syrien müsse bei der Bekämpfung des IS liegen. Auch die syrische Regierung warnte die Türkei vor einem weiteren militärischen Vorgehen. Die syrische Luftwaffe würde jedes türkische Flugzeug zerstören, das einen Angriff auf Afrin fliege, sagte der stellvertretende Außenminister Faisal Mekdad nach Angaben der Nachrichtenagentur Sana.

Wie wird sich Russland verhalten?

Entscheidend in diesem Kräftemessen wird auch das Verhalten Russlands sein. Am Donnerstag waren Spitzenvertreter des türkischen Militärs und der Geheimdienste nach Moskau gereist, um über die geplante Intervention zu beraten. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, Russland habe damit begonnen, seine Militärpolizei aus Afrin abzuziehen. Dem widersprach jedoch der russische Außenminister Sergej Lawrow am Freitag auf einer Pressekonferenz der Vereinten Nationen, wie die New York Times berichtet.

In der Offensive gegen Afrin zeige sich, dass die Interessen der Türkei und Russland in Syrien nicht mehr gleich sind, sagte Kerim Has, Dozent für türkisch-russische Beziehungen an der Staatlichen Universität Moskau. Die russische Regierung wolle nicht in den "100 Jahre alten Kurdenkonflikt" involviert werden. Er zweifle, dass Russland den türkischen Truppen helfen werde, wenn sie in Afrin Schwierigkeiten bekämen, sagte Has der New York Times: "Russland ist nicht in Syrien, um den Kurdenkonflikt zu lösen."