Das türkische Militär hat seine Operation gegen kurdische Truppen im Nordwesten Syriens ausgeweitet. Die Luftwaffe greife Stellungen in der kurdischen Enklave Afrin an, sagte Ministerpräsident Binali Yıldırım. Sie hätte fast alle Ziele zerstört. Zuvor hatte das türkische Militär bereits eine seit Tagen angekündigte Bodenoffensive gegen die Stellungen der kurdischen Miliz YPG begonnen. 

Ziel sei es, Afrin von der kurdischen Unterdrückung zu befreien, teilte der türkische Generalstab mit. Die Türkei mache damit von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch. Die Ziele der Luftangriffe seien Beobachtungsstellungen der YPG gewesen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Bei der Offensive seien nach Angaben der Kurdenmiliz YPG mindestens neun Menschen getötet worden, darunter sechs Zivilisten. 13 weitere Zivilisten seinen verletzt worden, sagte ein YPG-Sprecher der Nachrichtenagentur Reuters. Angaben von Anadolu zufolge seien seit Beginn der Luftangriffe 108 von 113 Stellungen der YPG getroffen worden. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben, die der staatlichen Nachrichtenagentur zufolge sämtlich der YPG angehören.

Syrien droht mit Abschuss türkischer Kampfjets

Zudem seien mit der Türkei verbündete Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) in den Ort eingedrungen. Auch die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Angriffen durch mindestens zehn türkische Kampfflugzeuge. Ein Sprecher der kurdischen Truppen in Afrin, Suleiman Dschafar, sprach von Raketeneinschlägen. Laut der YPG seien mindestens zehn Menschen getötet worden, darunter sieben Zivilisten. Diese Information war zunächst nicht von unabhängiger Seite überprüfbar.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte in einer Rede, die Türkei werde "Schritt für Schritt" einen "Terrorkorridor" zerstören, den die YPG errichtet habe. Erdoğan kündigte an, die Offensive werde nicht mit Afrin enden. Nächstes Ziel sei die Stadt Manbidsch. Die von Kurden dominierten Demokratischen Kräfte Syriens hatten Manbidsch 2016 von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erobert. Die türkische Armee bestätigte den Beginn einer Boden- und Luftoffensive. Die Operation Olivenzweig richte sich gegen die YPG und auch gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat", teilte das Militär mit.

Die syrische Führung unter Präsident Baschar al-Assad hatte die Türkei vor einer Offensive gewarnt. Die syrische Luftwaffe werde jeden türkischen Kampfjet abschießen, der Angriffe innerhalb Syriens fliege, sagte Vizeaußenminister Faisal Mekdad. Sein Land betrachte jeden Luftangriff oder Bodeneinsatz der Türkei in Afrin als aggressive Handlung und einen Verstoß gegen internationales Recht.

Russland ruft zur Zurückhaltung auf

Das russische Außenministerium rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Russland halte an seiner Position fest, die syrische Krise durch die Bewahrung der territorialen Integrität und die Respektierung der Souveränität Syriens zu lösen. Das russische Verteidigungsministerium kündigte an, seine Soldaten aus dem umkämpften Gebiet abzuziehen. Damit sollten "mögliche Provokationen" vermieden und eine "Bedrohung für Leben und Gesundheit der russischen Soldaten" ausgeschlossen werden. Die Soldaten hätten sich in die Deeskalationszone um die syrische Stadt Tel Rifat zurückgezogen. Die Militärpolizei und die sogenannte Gruppe zur Versöhnung der Kriegsparteien sollen ihre Arbeit in der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo fortsetzen.

Das Auswärtige Amt in Berlin rief Kreisen zufolge ebenfalls zu Besonnenheit auf. "Wir sehen mit Sorge nach Nordsyrien", war aus dem Auswärtigen Amt zu hören. Die aufgeheizte Rhetorik und auch der Beschuss über die Grenze, der allerdings nicht neu sei, seien nicht ermutigend.

Die YPG gilt als der syrische Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei. Die PKK ist in der Türkei, der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft. Die USA sehen die YPG als Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat". Die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition hat angekündigt, in Nordsyrien eine 30.000 Mann starke Grenzschutztruppe aus Mitgliedern des Militärbündnisses Demokratische Kräfte Syriens (DKS) und der YPG aufbauen zu wollen.