In Deutschland ist man sich gerade sehr einig, wer gut und wer böse ist. Linke und konservative Politiker verurteilen die Angriffe des türkischen Militärs in der Region Afrin und auch Journalisten teilen gerade kräftig aus. Das liest sich dann ungefähr so: "Der Westen hat die Kurden verraten." Die Kämpfer der YPG und eigentlich alle Kurden sind die Opfer, der türkische Präsident der Böse und der Westen verlogen.

Lässt sich die Geschichte so einfach erzählen? Aus Berlin, 3.000 Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt, ja. Aus der Türkei, wo sich Militär und PKK, die kurdische Arbeiterpartei, seit Jahrzehnten bekämpfen, wo schon 40.000 Menschen in diesem Konflikt gestorben sind, sieht es etwas anders aus. Von hier aus ist die Sache weniger eindeutig, als die deutsche Öffentlichkeit sie sich gerade macht.

Ja, die YPG erfährt gerade schmerzhaft, dass sich die westlichen Länder Erdoğan lieber nicht in den Weg stellen. Das Bündnis der USA und auch der Europäer mit den kurdischen Kämpfern war immer lose: Die einen waren froh, dass die anderen ihre Heimat entschlossen und mit westlichen Waffen so verteidigten, dass das internationale Schreckgespenst IS zurückgedrängt wurde.

Die gemeinsamen Interessen haben sie in dieser Situation zusammengebracht, aber für eine anhaltende Solidarität reicht das nicht. Der IS hat kein Territorium mehr, dafür haben die Kämpfer der YPG sich große Gebiete entlang der syrisch-türkischen Grenze gesichert.

Ja, es stimmt auch, dass dieser Krieg Teil von Erdoğans Machtkalkül ist. Ein Krieg gegen die YPG schürt den Nationalismus in der Türkei weiter – und den kann der Präsident gut gebrauchen. Denn 2019 stehen Wahlen an und die Zustimmung für seine islamisch-konservative Partei liegt gerade bei 42 Prozent. Das ist viel, aber sie war auch schon einmal bei 50. Erdoğan weiß: Wer den nationalen Zusammenhalt gegen die terroristisch-kurdische Bedrohung beschwört, hat in der Türkei immer noch mit die besten Karten.

Der Westen verkennt das Sicherheitsempfinden der Türken

Aber das heißt nicht, dass es diese Bedrohung nicht wirklich gibt. Das ist das große Manko der bequemen deutschen Sicht auf den Konflikt: Sie blendet völlig aus, wie real die Terrorgefahr in der Türkei ist und wie real auch die politische Sorge vor einem westlich geförderten Rückzugsgebiet für PKK-Kämpfer direkt an der türkischen Grenze ist. Der Westen verkennt das Sicherheitsempfinden der meisten Türken.

Weil sie sich tatsächlich bedroht fühlen, sind auch weite Teile der Opposition für die Militäraktion. Und nicht etwa, weil sie zu feige wären, Erdoğan zu widersprechen. Der Präsident musste nicht in die Trickkiste greifen, damit die Mehrheit der Türken hinter der Militäroperation steht. Es wäre gut, wenn man sich in Deutschland Mühe geben würde, die Gründe dafür zu verstehen, statt es pauschal als weiteren Erdoğan-Irrsinn abzutun.