Im Norden Syriens sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen etwa 5.000 Menschen auf der Flucht vor der türkischen Offensive gegen kurdische Milizen. Die schwächsten der Betroffenen hätten allerdings zurückbleiben müssen, hieß es in einem UN-Bericht, der sich auf Quellen vor Ort stützt.

Demnach steht die Organisation bereit, in der Region Afrin 50.000 Menschen zu versorgen. Sollte es Fluchtbewegungen in Gebiete geben, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden, gäbe es Vorräte für weitere 30.000 Menschen.

Seit Beginn der türkischen Militäroffensive wurden nach Angaben der türkischen Armee zahlreiche Kämpfer getötet. Es seien mindestens "260 Angehörige von Terrororganisationen neutralisiert" worden, teilte der Generalstab in Ankara am Abend mit. Neutralisiert bedeutet im Sprachgebrauch türkischer Sicherheitskräfte in der Regel getötet, der Begriff kann aber auch verletzt oder gefangen genommen bedeuten. Eine Bestätigung dieser Zahlen von der kurdischen Miliz YPG gab es bislang nicht.

Die türkische Regierung will mit der Militäroffensive in Afrin gegen die YPG und die von ihr dominierten Syrischen Demokratischen Streitkräfte vorgehen. Nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hieß es zunächst, bei der Offensive seien bislang 23 Zivilisten getötet worden. Die Türkei weist Berichte über zivile Opfer als "Propaganda" zurück und versichert, ausschließlich Terroristen ins Visier zu nehmen.

Die türkische Armee hatte ihre Offensive Operation Olivenzweig vor vier Tagen gestartet, am Dienstag griff sie auch kurdische Stellungen im Nordirak an. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu drohte laut einem Bericht des Nachrichtensenders Habertürk TV damit, die Offensive auszuweiten und nannte dabei die überwiegend von Arabern bewohnte syrische Stadt Manbidsch. "Wir fürchten uns vor niemandem, wir sind entschlossen und wir werden nicht mit Ängsten und Bedrohungen leben", sagte Çavuşoğlu.

Die Kurden riefen indes dazu auf, die Region Afrin zu verteidigen. "Wir erklären eine Generalmobilmachung und rufen unser Volk auf, Afrin zu verteidigen", hieß es in der Erklärung des kurdischen Kantons Al-Dschasira in Nordsyrien, der ebenso wie Afrin von der YPG und ihrer Dachorganisation PYD kontrolliert wird. Ein Sprecher sagte, alle Kurden seien aufgerufen, zu den Waffen zu greifen. Freiwillige, die in Afrin kämpfen wollten, würden mit Waffen ausgestattet.

Die Verwaltung des Kantons Al-Dschasira, der von Afrin durch türkisch-kontrollierte Gebiete getrennt ist, rief die internationale Gemeinschaft auf, ihrer "moralischen Verantwortung" gerecht zu werden. Sie drängte zudem den UN-Sicherheitsrat, eine "entschlossene Resolution" zu verabschieden, um die "Aggression der türkischen Regierung" gegen die Kurden in Afrin zu stoppen.

"Ruf nach Zurückhaltung", aber keine Entscheidung

Der UN-Sicherheitsrat hatte am Montag über die türkische Offensive in Afrin und weitere Entwicklungen in Syrien beraten, sich aber nicht zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen können. Die Vetomächte Russland und die USA stehen im Syrien-Konflikt auf unterschiedlichen Seiten. Der französische UN-Botschafter François Delattre sagte im Anschluss lediglich, der "Ruf nach Zurückhaltung" sei in der Diskussion weitgehend geteilt worden.

Für die USA ist die Offensive ihres Nato-Partners Türkei heikel, da sie die YPG als Verbündete im Kampf gegen die Dschihadisten in Nordsyrien ansehen und mit Waffen sowie Spezialkräften unterstützen. Die Türkei wiederum sieht die US-Militärhilfe als verdeckte Unterstützung für die mit der YPG eng verbundene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die auch von den USA als Terrororganisation gelistet ist.