Chinesische Behörden haben den prominenten Menschenrechtsanwalt Yu Wensheng festgenommen. Der 50-Jährige sei von einem Spezialeinsatzkommando vor seiner Pekinger Wohnung abgefangen worden, als er seinen Sohn zur Schule bringen wollte, berichtete seine Frau Xu Yan der Deutschen Presse-Agentur. Die französische Nachrichtenagentur AFP bestätigte die Angaben unter Berufung auf zwei Vertraute. Die örtliche Polizei teilte mit, man wisse nichts von der Festnahme.

Xu sagte, dass ein Polizeiwagen, ein Wagen eines Einsatzkommandos und ein Minibus vorgefahren und ihren Mann vor dem Haus mitgenommen hätten. "Ich habe die örtliche Polizeistation und den Polizeinotruf angerufen, aber nicht erfahren, was mit ihm passiert ist."

Wenige Stunden vor seiner Festnahme hatte Yu in einem öffentlich verbreiteten Brief Verfassungsreformen gefordert. Er verlangte unter anderem Präsidentschaftswahlen mit mehreren Kandidaten.

Der Brief war Yus jüngste Aktion, mit der er die chinesische Regierung kritisierte. Sein Protest hat eine lange Vorgeschichte: 2014 saß Yu nach eigenen Angaben 99 Tage in Haft und wurde gefoltert. Später vertrat er mehrere andere Menschenrechtsanwälte sowie Demonstranten aus Hongkong, die dort für mehr Demokratie auf die Straße gegangen waren. Im vergangenen Jahr versuchte Yu gemeinsam mit fünf anderen Anwälten die Regierung seines Landes wegen des gesundheitsschädlichen Smogs zu verklagen.  

Im Oktober 2017 schrieb der Aktivist einen öffentlichen Brief an die Delegierten, die den Parteitag der Kommunistischen Partei besuchten. In dem Appell beklagte Yu, dass es in China "keine Freiheit, keine Demokratie, keine Gleichheit und keine Rechtsstaatlichkeit" gebe. Staats- und Parteichef Xi Jinping habe die "totalitäre Herrschaft" verstärkt. Er eigne sich nicht länger, um im Amt zu bleiben. Nach eigenen Angaben wurde Yu wegen des Briefs drei Stunden lang von der Polizei verhört.

Mit seinen Aktivitäten erlangte Yu internationale Bekanntheit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beispielsweise soll Yu und andere Menschenrechtsanwälte während eines Besuchs in Peking vor zwei Jahren besucht haben. Das Treffen sei damals geheimgehalten worden, habe aber im April 2016 stattgefunden, berichtet die dpa.

Behörden sollen vor Kurzem Yus Anwaltslizenz aufgehoben haben

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt Yus Verhaftung als Vergeltungsmaßnahme dafür ein, dass der Anwalt mit Journalisten gesprochen habe. Laut Amnesty entzogen die Behörden Yu kürzlich seine Anwaltslizenz und verweigerten die Genehmigung für die Eröffnung seiner neuen Kanzlei. Das Vorgehen gegen Yu zeige die sinkende Toleranz der chinesischen Regierung gegenüber Kritikern.

Seit zwei Jahren nehmen die chinesischen Behörden vermehrt Anwälte, deren Mitarbeiter sowie Aktivisten und und ihre Familienangehörige fest. Menschenrechtsgruppen sprechen von einer "Verfolgungswelle". Der letzte international prominente Fall war der Blogger Wu Gan, der Ende Dezember vergangenen Jahres zu acht Jahren Gefängnis wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" verurteilt wurde. Patrick Poon, China-Experte von Amnesty International, befürchtet, dass nun auch Yu wegen dieses Vorwurfs angeklagt werden könnte.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch teilte in ihrem am Donnerstag vorgestellten Jahresbericht mit, 2017 seien mehr Bürgerrechtler als zuvor in Schauprozessen abgeurteilt worden. Die Organisation beobachtete außerdem vermehrte Zwangsgeständnisse im Fernsehen. "Die Polizei sicherte sich die Gefügigkeit der Festgenommenen, indem einige von ihnen gefoltert, ihnen der Zugang zu einem Anwalt ihrer Wahl verweigert und sie über Monate isoliert festgehalten wurden", heißt es in dem Bericht.