Die meisten Schüler, die an diesem Morgen am Gebäude auf der Seventh Avenue im Brooklyner Stadtteil Park Slope ankommen, ziehen sich den Rucksack schon aus Gewohnheit ab. Hinter der Tür wartet eine Sicherheitskontrolle, wie man sie sonst nur am Flughafen sieht. Taschen und Jacken werden durchleuchtet, Schüler und Lehrer werden abgetastet. Wer keinen passenden Ausweis dabei hat, wird von den Sicherheitsbeamten abgefangen. Auch von außen sieht alles eher nach einer Jugendstrafanstalt aus. Die Fenster in den ersten drei Stockwerken sind vergittert, über den Eingängen des massiven Backsteinbaus beobachten Überwachungskameras das Geschehen. 1.400 Schüler gibt es auf dem John-Jay-Campus, sie verteilen sich auf fünf Schulen.

Das Schulgebäude in Brooklyn ist eines von 91 in der Stadt, in denen täglich rund 100.000 Schüler durchleuchtet werden. Und geht es nach Donald Trump, dann sollen Amerikas Schulen schon bald weiter aufgerüstet werden. "Wir müssen unsere Schulen härter machen", sagte der US-Präsident erst am Montag erneut und wiederholte damit seine Forderungen nach dem Amoklauf von Florida. "Wenn Sie Lehrer haben, die sich mit Schusswaffen auskennen, dann können Sie einen Angriff ziemlich schnell beenden." Die Attacken, fasste Trump seinen Plan auf Twitter noch einmal zusammen, "sind dann vorbei".

Ob das stimmt, ist fraglich. In vielen Teilen des Landes sind die Schulen schon jetzt stark abgesichert. Allein zwischen 1994 und 2014 ist die Zahl der Einrichtungen, die uniformierte Beamte beschäftigen, von 13 auf mehr als 51 Prozent gestiegen. An vielen Schulen seien bewaffnete Beamte heute die "naheliegendste Lösung für Bedrohungsszenarien", auch weil das von Washington mit Millionen von Dollar unterstützt werde, schreibt Cheryl Lero Jonson von der Xavier Universität in Ohio, die sich seit Jahren mit Gewalt an US-Schulen beschäftigt. 2014 gaben demnach mehr als 90 Prozent der Schulen an, die Eingänge abzusichern und für den Zutritt eine Identifizierung zu verlangen. Metalldetektoren seien lange vor allem in den Schulen der Großstädte im Einsatz gewesen, doch heute finde man sie auch in den Vororten, schreibt Lero Jonson. In zehn Prozent der Schulen müssten Schüler inzwischen täglich durch einen Metalldetektor. Zudem wird Kindern in monatlichen Übungen gezeigt, wie sie sich im Notfall verhalten sollen. Kugelsichere Tafeln sollen zusätzlichen Schutz bieten.

Mehr Sicherheitspersonal heißt auch mehr Angst

Daneben gibt es bereits heute in vielen Bundesstaaten Sicherheitsfirmen, die sich auf das Training von Schulpersonal spezialisiert haben – eine Kernforderung von Trump. Sie bereiten Lehrer und Verwaltungsangestellte darauf vor, gewalttätige Zwischenfälle zu stoppen und medizinische Ersthilfe zu leisten und geben bei Bedarf Nachhilfe im Umgang mit Schusswaffen. Allein die Buckeye Firearms Association in Ohio gibt an, in den vergangenen fünf Jahren mehr als 1.300 Lehrer in zwölf Bundesstaaten ausgebildet zu haben. 400 weitere sollen es dieses Jahr werden, die Warteliste zählt 2.000 Namen. Die Polizei komme zwar so schnell wie möglich, schreibt Dean Rick, Executive Director der Organisation, per E-Mail: "Aber ein paar Minuten können mehrere Dutzend mehr Tote bedeuten."

Der Erfolg der Maßnahmen aber ist umstritten. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Aufrüstung von Lehrkräften oder der Einsatz von Sicherheitspersonal keinen oder nur einen geringen Effekt auf die Zahl der gewaltsamen Zwischenfälle haben, erklärt Jonson. Im Gegenteil: Ihre Anwesenheit könne die "Angst und Unsicherheit auf dem Schulgelände weiter erhöhen" und eine Umgebung, die eigentlich zum Lernen inspirieren solle, zu einem "Gefängnis" umwandeln.

Erhebungen darüber, wie effektiv die Maßnahmen bei Amokläufen sind, gibt es nicht. Doch bisherige Erfahrungen geben wenig Anlass zur Hoffnung. Zwei der bislang folgenreichsten Vorfälle auf Schul- oder Universitätsgelände – die Amokläufe an der Columbine High School und der Virginia Tech Universität, bei denen 15 und 33 Personen getötet wurden – fanden trotz der Anwesenheit von bewaffnetem Personal und gesicherten Eingängen statt. Bei dem Angriff an einer Grundschule in Connecticut im Jahr 2012 verschaffte sich der Täter Zugang durch ein Fenster und umging damit die Kontrollen am Eingang; 26 Kinder und Lehrer starben. 2005 tötete ein Schüler an einer Highschool in Minnesota erst einen Sicherheitsbeamten und gelangte dann an den Metalldetektoren vorbei ins Gebäude, wo er einen Lehrer und fünf Mitschüler tötete. In den meisten Fällen handle es sich bei den Tätern um Schüler, die über die nötige Identifikation verfügten, um sich Zugang zu verschaffen, erklärt Jonson. Viele Leute, die einen Amoklauf planten, seien zudem darauf vorbereitet, während der Tat zu sterben.