Der afghanische Präsident Aschraf Ghani hat den radikalislamischen Taliban Gespräche angeboten. Ghani sagte zu Beginn der Zweiten Friedenskonferenz in Kabul, dass ein Waffenstillstand verhandelt und anschließend Neuwahlen abgehalten werden müssen. Im Gegenzug sollen die Taliban zu einer politischen Partei erklärt werden und bei Wahlen antreten dürfen. Zudem sollen sie ein Büro in Kabul und Pässe erhalten. Gefangene Taliban sollen freigelassen und die Sanktionen gegen Taliban-Anführer aufgehoben werden. Bislang hatte der Präsident die Taliban als Terroristen und Rebellen bezeichnet und lediglich den Teilen der Taliban Gespräche angeboten, die bereit waren, die Waffen niederzulegen.

"Anführer der Taliban und alle Mitglieder, die Entscheidung ist in euren Händen. Akzeptiert den Frieden. Kommt an den Verhandlungstisch und lasst uns dieses Land gemeinsam aufbauen", sagte Ghani in Richtung der Taliban. Als Bedingung für die Gespräche müssten sie die afghanische Regierung und die Verfassung offiziell anerkennen. Er sei jedoch offen für Änderungen an der Verfassung, sagte der Präsident.

Ghani hatte in der Vergangenheit bereits ähnliche Vorschläge gemacht. Eine Anerkennung der afghanischen Regierung durch die Taliban war bei früheren Versuchen, Gespräche einzuleiten, jedoch einer der schwierigsten Punkte, da die Taliban diese als "Marionettenregierung" sehen.

Taliban fordern direkte Gespräche mit den USA

Die Taliban selbst fordern direkte Gespräche mit den USA. Ihrer Meinung nach müssten die USA anerkennen, dass sich der Konflikt nicht militärisch lösen lasse und ihre Truppen abziehen. In einer Erklärung forderten sie, dass Washington die "legitimen Forderungen des afghanischen Volkes" akzeptieren und mit dem "Islamischen Emirat" verhandeln soll. Als "Islamisches Emirat Afghanistan" bezeichneten die Taliban das Land vor dem Einmarsch der US-Truppen 2001. Alice Wells, US-Vizeaußenministerin für Süd- und Zentralasien, sagte in einem Interview, dass sie Möglichkeiten für einen Dialog mit den Taliban sehe, da diese an die nationale Einheit Afghanistans glauben. Allerdings müsse dann auch die Regierung in Kabul eingebunden werden.

Ghani bot auch Pakistan einen Neustart in den Beziehungen an. Afghanistan und die USA werfen dem Land vor, die Taliban zu unterstützen.

Taliban kontrollieren mindestens 13 Prozent des Landes

An der zweiten Friedenskonferenz des sogenannten Kabul-Prozesses nehmen Vertreter von 26 Ländern und drei internationalen Organisationen teil. Sie wollten darüber beraten, wie die afghanische Regierung mit den radikalislamischen Taliban Frieden schließen könnte. Der erste Kongress fand im Juni vergangenen Jahres statt. Die Taliban waren zu den Gesprächen nicht eingeladen.

Seit dem Abzug der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Ende 2014 hat die Gewalt zugenommen. Die Taliban werden für den Großteil der Gewalt in Afghanistan verantwortlich gemacht. So hatten sie erst am Wochenende einen Kontrollpunkt in der Provinz Farah überfallen und mindestens 18 Soldaten getötet. Zudem kamen erst Ende Januar bei einem Anschlag in Kabul mehr als 100 Menschen ums Leben. Derzeit kontrollieren oder beeinflussen die Taliban nach offiziellen Angaben mindestens 13 Prozent des Landes. Weitere 30 Prozent des Landes sind umkämpft.

Zuletzt hatten die Taliban eingeräumt, unter zunehmendem Druck stehen, um Friedensverhandlungen zuzustimmen. Die USA hatten das militärische Vorgehen gegen die Taliban im vergangenen Jahr verschärft, um sie zu Verhandlungen zu zwingen. Auch Deutschland beteiligt sich mit knapp 1.000 Soldaten an einem Einsatz zur Beratung und Ausbildung der afghanischen Truppen. Die meisten der Bundeswehrsoldaten sind in Masar-i-Scharif im Norden des Landes stationiert.