Deniz ist frei! Nach mehr als einem Jahr in Haft, nach 367 Tagen des Hoffens und Bangens, des Wartens und Sorgens, nach abwechselnd Wut, Traurigsein und Ungläubigkeit war die Nachricht so plötzlich da, fast nebenbei. Kurz nach 11 Uhr twitterte seine Zeitung die frohe Botschaft, sein Kollege Oliver Michalsky kommentierte sie mit nur einem Wort, das seiner Familie, seinen Freunden und Kollegen, das sehr vielen Menschen in Deutschland, aber auch in der Türkei durch Kopf und Herz ging: "Endlich!"

Ja, endlich. Endlich hat Deniz seine Freiheit wieder. Endlich darf er seine Familie, seine Frau, seine Freunde und seinen Twitter-Account wiedersehen. Endlich gibt es so etwas wie Entspannung im deutsch-türkischen Verhältnis, auch wenn noch gar nicht klar ist, wie es noch weitergeht. Endlich darf er wieder in die Tasten hauen (aber man würde ihm wünschen, dass er sich damit noch Zeit lässt). Endlich wurde Recht gesprochen, haben politische Gespräche zu einem Ergebnis geführt. Endlich wurde entschieden, was entschieden werden musste. Nur so und nicht anders konnte dieser Albtraum ausgehen.

Man darf heute durchaus Dankbarkeit empfinden. Zunächst einmal Dankbarkeit für das große, wunderschöne Gut der Pressefreiheit, deren Wert sich in diesem Deniz-Jahr noch einmal ins Unermessliche gesteigert hat. Sie ist nicht selbstverständlich, sie sollte es sein.

Dankbarkeit aber auch für die Solidarität, die sich entfaltete mit dem ersten Tag, den Deniz im Gefängnis verbracht hat. Kaum etwas hat mich persönlich in meinem bisherigen Berufsleben so sehr berührt wie der Einsatz von Deniz' Familie und seinem engsten und nicht so engen Freundeskreis für ihn und das freie Wort. Zuallererst ist da seine Frau Dilek, die ihn unermüdlich unterstützt hat, immer ruhig, mit stahlharten Nerven, sich nie dem Zorn ergebend, den sie durchaus hätte fühlen dürfen auf dem Weg, montags Richtung Gefängnis Silivri, und mit den medialen Angriffen auch gegen sie in der Türkei. Da ist seine Familie, krank vor Sorge, aber immer mit der Hoffnung, dass der Spuk ein Ende nimmt. Da ist Deniz' Anwalt Veysel Ok, der unermüdlich die türkische Justiz ansprach, Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, und damit nichts anderes für seinen Mandanten – und die vielen anderen, die er vertritt – einforderte als durch die türkische Verfassung verbrieft.

"Groko für Deniz"

Da sind seine engen Freundinnen und Freunde, wie etwa Doris Akrap, Redakteurin bei Deniz' alter Zeitung, der taz, die wer weiß wie viele Autokorsos und Lesungen für ihren Freund organisierte. Und die nun sein neues Buch Wir sind ja nicht zum Spaß hier herausbrachte. Da ist auch der unermüdliche İmran Ayata, ein erfahrener Campaigner und Autor, der lieber Unterschriftenanzeigen organisierte als zu schlafen.

Da sind natürlich auch der Freundeskreis #FreeDeniz, Deniz' Geburtstadt Flörsheim und die Mahnwachen dort. Und da ist auch Daniel Böhmer, Deniz' Kollege bei der Welt, der das Jahr zumeist über dem Luftraum zwischen Berlin und Istanbul verbrachte.

Was sich da in dieser Zeit entspann, war nichts anderes als die "Groko für Deniz", wie es Jan Böhmermann einmal zutreffend bezeichnete: Da kamen Menschen für Deniz zusammen, natürlich, aber auch für nichts Geringeres als für die Freiheit des Wortes, der Kunst und der Wissenschaft. Menschen, die sich teilweise schon kannten, aber auch solche, die sich sonst wahrscheinlich nie im Leben begegnet wären. An manchen Tagen wurde gemeinsam gekämpft, an anderen wussten die einen gar nicht, was die anderen machten. Dieses Deniz-Jahr ohne Deniz wird wohl keiner von ihnen vergessen. Gut so, denn sie werden Deniz alles erzählen müssen. Wahrscheinlich wird er alle Details erfahren wollen.

Es ist viel kaputtgegangen

Ist nun wieder alles gut, alles vergessen? Fragen wir uns das morgen, denn Deniz ist nicht der einzige Journalist, der in Haft war. Kurz nach der guten Nachricht über Deniz verurteilte ein Gericht mehrere andere Journalisten zu lebenslangen Haftstrafen. Es ist viel kaputtgegangen. Aber heute ist auch ein Tag der Hoffnung, und ohne Hoffnung gibt es keinen Raum für Politik. Oder wie es eine Kollegin, ebenfalls Türkei-Korrespondentin, formulierte: "Wir brauchten eine solche gute Nachricht so sehr!"

Freuen wir uns heute daher über die schönste Hashtagveränderung seit Langem: Aus #FreeDeniz wird nun endlich #DenizFree.