Binali Yıldırım hatte es angedeutet. Der türkische Premierminister war am gestrigen Donnerstag zu Besuch bei Angela Merkel. Er sagte zu dem Fall, der das deutsch-türkische Verhältnis seit einem Jahr wie nichts anderes bestimmt hat: "Die Gerichte in der Türkei sind unabhängig. Als Politiker können wir versuchen, der Justiz zu helfen, das Verfahren gegen Deniz Yücel zu erleichtern."

Keine 24 Stunden später kam der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei frei. Nach einem Jahr und zwei Tagen in Haft. Eine offizielle, rechtsstaatliche Anklage gegen ihn gab es bis heute nicht. Stattdessen nur Vorwürfe von höchster Stelle: Yücel sei ein "PKK-Vertreter und deutscher Agent", sagte Präsident Recep Tayyip Erdoğan in einer öffentlichen Ansprache.

Dass Präsident und Premierminister sich zu Yücel äußern, ist passend. Denn der Fall war von Anfang an politisch. Zum einen, weil seine Festnahme der türkischen Regierung dazu diente, die Erzählung von den "ausländischen Agenten" und den vermeintlichen Türkei-Feinden überall im Land und auf der Welt zu belegen. In der Folge war Yücel aber auch in Deutschland von Tag eins an ein Politikum.

Am Beispiel des Journalisten hat die deutsche Öffentlichkeit gesehen, wie die türkische Regierung mit seinen Gegnern umspringt. Sein Gesicht war in Deutschland schnell das Konterfei der vielen, vielen zu Unrecht Verhafteten und Verfolgten in der Türkei. Ja, Yücels Schicksal stand als Symbol für alles, was in der Türkei aus deutscher Sicht falsch läuft.

Nun ist seine Haft vorbei. Wessen Verdienst ist das? Und wie geht es, nach dem Jubel, weiter mit den deutsch-türkischen Beziehungen?

Die deutsche Regierung hatte immer wieder betont, wie wichtig sie diesen Fall nehme. Von "besonderer Dringlichkeit" sprach Kanzlerin Merkel am Tag vor der Freilassung beim Termin mit Yıldırım. Die Strategie der Bundesregierung war umstritten. Merkels Besuche bei Erdoğan, die Teezeremonie für den türkischen Außenminister Mevlut Çavuşoğlu im Wohnzimmer von Sigmar Gabriel: Das sah nach Unterwürfigkeit aus, nach Bitten und Betteln beim Geiselnehmer.

War das alles? Noch wissen wir nicht, welchen Anteil diplomatische Verhandlungen an Yücels Freilassung hatten. Aber es wird diese Runden gegeben haben, in denen eher hart verhandelt als freundlich gelächelt wurde. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, haben sich Außenminister Sigmar Gabriel und Erdoğan zwei mal wegen des Falls getroffen in den vergangenen Wochen. Außerdem hat die türkische Regierung bei aller Lautsprecherei auch gemerkt, dass sie sich ihr Leben nicht einfacher macht, wenn sie ihre Verbündeten immer und immer wieder vor den Kopf stößt. Es geht um Geld, Tourismus, um Rüstungsexporte und internationales Ansehen. In dieser Gemengelage ist die Freilassung Yücels für die türkische Regierung eine kostengünstige Möglichkeit, die Stimmung zu verbessern.

Fall Yücel bleibt für Erdoğan überschaubar

Denn Erdoğan kann sich innenpolitisch darauf verlassen, dass der Fall Yücel keine Konsequenzen haben wird. Namen wie Peter Steudtner, Meşale Tolu und eben Yücel sind den meisten Türken nicht bekannt. Das liegt daran, dass die größtenteils regierungshörige Presse über diese Fälle wenig berichtet. Und es liegt daran, dass die Türkei viel mehr, für sie viel drängendere Probleme hat als die Inhaftierung ausländischer Journalisten.

Das ist auch der Grund dafür, dass Yücels Freilassung allein das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei nicht reparieren wird. Denn die vielen anderen Probleme im deutsch-türkischen Verhältnis bleiben.