Als die Männer aus Gorino hören, der Bus mit den Flüchtlingen sei schon auf dem Weg zu ihnen, rennen sie zum Fischereihafen. Sie schmeißen einige Dutzend Holzpaletten, mit denen an normalen Arbeitstagen Muscheln und Fische abtransportiert werden, auf die Ladefläche eines Autos, fahren damit einen Kilometer vor das Dorfzentrum, genau an jene Stelle, wo die Straße durch die Deichbefestigung verengt ist. Dort stapeln sie die Paletten übereinander, stellen eine alte Blechtonne daneben und bauen ein Partyzelt auf. Einer holt noch rasch seinen Holzkohlegrill von zu Hause und heizt das Feuer an. Die Fischereivereinigung verschickt eine Kurznachricht: Damit alle gegen die Flüchtlinge protestieren können, solle morgen keiner zur Arbeit gehen oder seine Kinder zur Schule bringen. Die Menschengruppe an der Straßenbarrikade wächst schnell auf etwa 150 – Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, Rentner sind dabei. Einige warnen immer wieder vor einer "Invasion".

So halten die Einwohner Gorinos die ganze Nacht ihre Stellung. Erst als sie sich sicher sind, dass der Bus mit den zwölf Frauen, von denen eine im achten Monat schwanger ist, nicht mehr auf dem Weg in ihr Dorf ist, als die Polizei mehrmals versichert, dass die Flüchtlinge auf andere Unterkünfte verteilt wurden, essen sie das letzte Stück Fleisch vom Grill und stoßen auf ihren Erfolg an. So erzählen es mehrere, die dabei waren. In diesem Moment, gegen sieben Uhr morgens, haben die Männer aus Gorino ihr Ziel erreicht: Gegen den Bürgermeister der Kommune, der längst wieder nach Hause gefahren ist, gegen die Polizisten, die es nicht wagten, die einzige Zufahrtsstraße zum Dorf zu räumen, gegen den Willen des italienischen Innenministers und gegen den Plan des Regierungschefs haben sie sich durchgesetzt. Kein Vertreter des Staates kann gegen die Macht der Bewohner aus Gorino etwas ausrichten. Das 400-Seelen-Dorf will keinen einzigen Flüchtling aufnehmen, und es nimmt auch keinen einzigen Flüchtling auf, bis heute nicht.

Gorino, wo sich diese Szene Ende Oktober 2016 ereignete, ist nicht der einzige Ort in Italien, in dem es wegen der Flüchtlingskrise zur Auseinandersetzung kam. Aber Gorino ist seit der Nacht der Barrikade ein besonders umstrittener Fall. Ist das, was die Dorfbewohner da bewerkstelligt haben, irgendwie verständlicher Selbstschutz? Oder Rassismus?

Im nahe gelegenen San Bartolomeo nahmen sie sich den Fall Gorino zum Vorbild. Sie blockierten ihr Dorf ebenfalls und verhinderten ebenso den Zuzug von Flüchtlingen. In der Kleinstadt Fermo erschlug ein Italiener gar einen Flüchtling aus Nigeria mit der Faust. Und im Städtchen Macerata, auch in einer wohlhabenden Gegend an der Adria gelegen, fuhr Anfang Februar ein 28-Jähriger mit seinem Auto in die Innenstadt, während er mit einer Handfeuerwaffe gezielt auf schwarze Männer schoss. Nachdem er sechs Menschen getroffen hatte, streckte er seinen rechten Arm in die Höhe und brüllte: "Italien den Italienern!"

Obwohl auch in Italien die Anzahl der neu ankommenden Flüchtlinge seit 2016 kleiner wird, nehmen fremdenfeindliche Debatten und Straftaten seitdem zu. Während die Zuwanderung sich verringert, radikalisiert sich der Streit darüber. Etwa 40 Prozent der Italiener sehen laut Umfragen Migranten mittlerweile als Gefahr für ihre Sicherheit an. Kurz vor der Parlamentswahl spaltet dieses Thema wie kaum ein anderes die Bevölkerung. Etwa 70.000 Menschen protestierten am vergangenen Samstag in Rom gegen den neuen Rassismus. In Mailand gingen fast zeitgleich etwa 50.000 für den Slogan "Zuerst die Italiener" auf die Straße. Organisiert wurde die nationalistische Demo von der rechten Partei Lega und ihrem Vorsitzenden Matteo Salvini.

Salvinis Rechtspopulisten, zu denen auch der Attentäter aus Macerata gehört, kann man mit Marine Le Pens Front National aus Frankreich, mit Geert Wilders Partij voor de Vrijheid aus den Niederlanden oder mit der deutschen AfD vergleichen. Auch Salvini will den Euro abschaffen ("Verbrechen gegen die Menschlichkeit") und behauptet seit Wochen, eine außer Kontrolle geratene Einwanderung ("Bevölkerungsaustausch") bringe Wut und gesellschaftliche Eruptionen über Italien. Glaubt man Salvini und seinem Parteifreund Nicola Lodi, trifft das besonders in Gorino zu.

Nicola Lodi, 42 Jahre, breites Kreuz, eigentlich selbstständiger Friseur in der nahe gelegenen Stadt Ferrara, wirkt wie ein starker Mann. Am Tag, an dem die Bewohner Gorinos erfuhren, dass Flüchtlinge in ihrem Dorf untergebracht werden sollen, reagierte er schnell. Er setzte sich ins Auto, nahm noch während der Fahrt ein Video auf und veröffentlichte es live auf seiner Facebook-Seite. Als er in Gorino angekommen war, schnappte er sich sein Megafon, das er für solche Ereignisse immer im Auto liegen hat.

"Leute aus Gorino, wollt ihr, dass ich euch helfe?", rief Lodi. Und fast 100 Menschen, ein Viertel der gesamten Einwohner des Dorfes, antwortete mit: "Ja!" Der Friseurmeister erinnert sich mit Stolz an den Tag, an dem er zum Anführer der verunsicherten Menschen aus Gorino wurde.