Für einen kurzen Moment schien Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache den Überblick zu verlieren. Gerade war in der Burschenschaft Germania ein Liederbuch mit antisemitischen Texten aufgetaucht, ausgerechnet fünf Tage vor der für seine rechte FPÖ so wichtigen Landtagswahl in Niederösterreich. "Burschenschaften haben grundsätzlich mit der FPÖ nichts zu tun", sagte Strache. Er trat als 15-Jähriger in die Verbindung Vandalia Wien ein und ist heute einer von 20 Burschenschaftern im 33-köpfigen Parteivorstand der FPÖ. Der Skandal um das Liederbuch, in dem in einigen Texten der Holocaust und andere Gräueltaten der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg verherrlicht werden, ließ sich aber am Ende nicht mehr kleinreden. Als Konsequenz und auf Druck des Regierungspartners ÖVP wurde der FPÖ-Politiker Udo Landbauer ausgetauscht. Der 31-Jährige war der Spitzenkandidat der Freiheitlichen, die Partei hatte bei der Landtagswahl in Niederösterreich gerade ihren Stimmenanteil ausgebaut. Landbauer wäre somit für ein Ministeramt infrage gekommen. Das Problem des FPÖ-Politikers: Er war lange Zeit Vizepräsident der Burschenschaft Germania.

Mit dem Rücktritt von Landbauer und der Verfügung eines Auflösungsverfahren durch Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) will die Regierungungskoaliton aus FPÖ und ÖVP den Skandal fürs Erste bändigen – auch auf Wunsch von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er muss sich im Ausland ohnehin schon ständig für seinen Koalitionspartner rechtfertigen, Schlagzeilen über Nazilieder helfen ihm dabei nicht.

Doch das grundsätzliche Problem der FPÖ mit den Burschenschaften lässt sich nicht einfach per Verfügung auflösen. Es ist Teil eines viel größeren Komplexes, der Frage nach der Identität der Partei, die offenbar auch den Vorsitzenden Heinz-Christian Strache überfordert: Wer ist die FPÖ eigentlich, jetzt, wo sie in der Regierung sitzt und Rücksicht nehmen muss auf Koalitionspartner und Staatsräson? Wo steht sie ideologisch? Bei den Deutschnationalen mit Schmiss, bei den Stammtischrassisten, bei den neokonservativen Staatskritikern? Für wen macht sie Politik? Für den kleinen Mann oder die Großindustrie? Die ersten Wochen in der Regierung lassen einiges erkennen, nur keine klare Linie.  

40 Prozent der Parlamentarier sind Burschenschafter

Als die Freiheitlichen 2000 das erste Mal in eine Bundesregierung einzogen, flog kurz danach die Partei auseinander. Übervater Jörg Haider hatte sich strikt von der Verantwortung ferngehalten, immer wieder aus Kärnten gegen das Regierungsteam geschossen und sogar Volksbegehren gegen FPÖ-Vorhaben angekündigt. Die Botschaft: Die da in Wien entfernen sich von unseren Inhalten. Der Streit eskalierte auf einem Sonderparteitag 2002 in Knittelfeld, das bis heute als Chiffre steht für Spaltungstendenzen im freiheitlichen Lager.

Haider verließ seine Partei und gründete das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), sein Konkurrent Heinz-Christian Strache übernahm die Partei – und mit ihm die Burschenschafter, die Haider noch zurückgedrängt hatte. Heute wäre die FPÖ nicht denkbar ohne die akademischen Verbindungen, aus denen sich die Elite der Partei rekrutiert. 40 Prozent der Parlamentarier gehören einer Burschenschaft an, fünf von sechs Bundesparteivorsitzenden, die Schaltstellen in den Ministerien werden vor allem mit Burschenschaftern besetzt.

"Wir wollen eine saubere Partei werden"

An der Basis aber sind die Freiheitlichen eine Partei der Selbstständigen, der Unternehmer, der Handwerker. Den Straßenwahlkampf erledigen Leute wie Reinhard Langthaler, FPÖ-Bezirksobmann in Baden bei Wien und Elektronik-Unternehmer. "Für die normalen Mitglieder ist es traurig und verwerflich, dass immer wieder aus Burschenschaften solche antisemitischen Dinge hochkochen", sagt Langthaler im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Wir identifizieren uns nicht mit so etwas."

Für Landbauer machte Langthaler trotzdem Wahlkampf: "Ich glaube Udo Landbauer, dass er nichts von diesen antisemitischen Liedern wusste, von so etwas ist der weit weg. Wenn das anders wäre, könnte ich nicht mehr in der Partei sein." Langthaler gehört zum Wirtschaftsflügel der Partei, organisiert im Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender, der seit Jahren für einen Schwenk in die Mitte der Gesellschaft wirbt. Für ihn wäre die Causa Landbauer ein guter Anlass zur Flurbereinigung: "Die Burschenschaften sollten aus eigenem Antrieb ihre Strukturen durchforsten und ihre Vergangenheit aufarbeiten. Wir wollen eine saubere, große Partei werden."

Wo fängt der Narrensaum an?

Dafür soll eine Historikerkommission sorgen, die Strache ins Leben rufen will. Sie soll sich mit der Geschichte des sogenannten "Dritten Lagers" befassen. Dabei ist vieles schon bekannt: Die SS-Vergangenheit des Gründervaters Anton Reinthaller etwa, den die FPÖ im Rieder Innkreis 2016 zu seinem Todestag ehrte – in Anwesenheit des oberösterreichischen Landeschefs Manfred Haimbuchner. Einer von Dutzenden Einzelfällen in den letzten Jahren, die im offensichtlichen Widerspruch zur offiziellen Parteilinie stehen, die sich gegen Antisemitismus und Rassismus ausspricht.

So wie eben jener Manfred Haimbuchner, der vor ein paar Tagen deutliche Worte fand: "Wir brauchen diese Idioten aus dem Narrensaum nicht in der Partei", sagte er, angesprochen auf die antisemitischen Lieder in der Germania Wiener Neustadt. Nur: Wo fängt der Narrensaum an? 2015 schrieb Haimbuchner einen Gastartikel in der Zeitschrift Aula, die Experten als offen rechtsradikal einstufen. Der heutige Innenminister Herbert Kickl sprach vor einem Jahr als Gastredner beim Kongress der Verteidiger Europas in Linz, einem Treffpunkt der sogenannten "Neuen Rechten". Es wirkt wie ein kleines Zeichen der Verbundenheit, wie ein vertrauliches Zwinkern unter Verschwörern: Wir gehören zu euch. So bleibt die Partei anschlussfähig für diejenigen, die sie öffentlich zum Narrensaum zählt.