Dem 28. Februar blickt Goitom Garmai furchtvoll entgegen. Es ist der Tag, an dem er, der Flüchtling aus Eritrea, wieder bei der Einwanderungsbehörde in Bnei Berak, einem Vorort von Tel Aviv, erscheinen muss. Dort muss er sein einmonatiges Visum verlängern. Es könnte aber auch der Tag sein, an dem er seinen Abschiebungsbescheid erhält. "Ich kann es schwer einschätzen. Ich habe von Leuten gehört, die den Brief bekommen haben, andere nicht. Keine Ahnung, was passieren wird", sagt der 27-Jährige. Und wenn doch, was wird er machen? In ein anderes afrikanisches Land ausreisen? Oder ins Gefängnis gehen? Denn das sind die zwei Alternativen, die Israel Menschen wie ihm derzeit anbietet.

Rund 34.000 Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan leben in Israel, die meisten von ihnen kamen zwischen 2005 und 2013 über den Sinai ins Land, bis Israel einen Zaun hochzog und die Menschen damit aufhielt. Willkommen waren sie hier nie, Asyl haben nach Angaben der Organisation Hotline für Flüchtlinge und Migranten gerade einmal zehn Eritreer und ein Sudanese erhalten.

Seit 2014 bietet Israel Flüchtlingen an, gegen Bezahlung freiwillig in ein Drittland auszureisen. Seit Anfang Februar geht die Einwanderungsbehörde noch einen Schritt weiter: "Freiwillige" Ausreise bis zum ersten April oder Gefängnis, heißt es in den Schreiben, die derzeit verteilt werden. Wer geht, erhält umgerechnet 2.800 Euro plus Flugticket. Als Drittländer werden Uganda und Ruanda genannt, mit denen es Abkommen geben soll. Betroffen sind vor allem alleinstehende Männer wie Garmai. Der sitzt jetzt in einem Café im Süden von Tel Aviv und bestellt ein Goldstar, ein israelisches Bier. "Ich weiß wirklich noch nicht, was ich machen werde", sagt er.

Goitom Garmai ist hin- und hergerissen zwischen Angst und Alltag. An diesem Abend kommt er gerade von der Berufsschule, an der er eine Ausbildung zum Koch absolviert. Für ihn ein großes Ziel, bislang arbeitet er als Küchenhilfe in einem Tel Aviver Restaurant. "Jetzt bin ich ziemlich fertig, heute hatte ich eine Prüfung", sagt er. Ob er die Ausbildung jemals abschließen kann, weiß er nicht. Er spricht fast fließend Hebräisch. Eine Sprachschule habe er nie besucht, erzählt er, er habe es auf der Straße gelernt.

Rumsitzen und abwarten möchte er nicht. Für Samstag ist eine Demonstration gegen die Abschiebung geplant und Garmai möchte teilnehmen. Schon jetzt trägt er ein T-Shirt mit der hebräischen Aufschrift "Stoppt die Abschiebung". Und heute Abend muss er gleich weiter zu dem Treffen einer Gruppe von Aktivisten. "Wir bereiten neue Infostände vor, an denen wir in verschiedenen Städten die Bürger über die Lage der Flüchtlinge und die geplante Abschiebung informieren." Denn vielen Israelis ist nicht bewusst, wer die Flüchtlinge sind und um was es bei der Abschiebung tatsächlich geht.

Der Widerstand wächst

Doch es gibt auch viele Israelis, die gegen die geplanten Abschiebungen protestieren. Jüngst forderten 36 Holocaustüberlebende den israelischen Premier Benjamin Netanjahu auf, den Plan zu stoppen. Gerade sie wüssten, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein, und könnten nicht verstehen, wie die Regierung so etwas tun könne. Auch Ärzte, Rabbiner, Schulrektoren, Schriftsteller und Akademiker meldeten sich zu Wort. Piloten der israelischen Fluggesellschaft El Al kündigten an, keine Flüchtlinge nach Ruanda zu fliegen, die dazu gezwungen werden. Und auf Initiative der Rabbinerin Susan Silverman, Schwester der US-Komikerin Sarah Silverman, meldeten sich Hunderte Familien, die die Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen würden.

Dennoch, erzählt Garmai, wüssten viele der Israelis, die er an den Infoständen trifft, nicht viel über die Lage. Sie seien aber oft sehr gesprächsbereit und hinterher überrascht. Darüber zum Beispiel, dass Ruanda und Uganda als Drittländer keine gute Option für die Flüchtlinge sind. Für viele sei Afrika ein einziges homogenes Gebilde. "Das ist so, als wenn man als Deutscher nach Italien geschickt wird. Sprichst du die Sprache? Nein. Es ist ein anderes Land."

Offiziell sagt Israel zwar nicht, welches die afrikanischen Drittländer sind, mit denen es Abkommen zur Aufnahme von Flüchtlingen geschlossen hat. Doch nach Informationen der Hotline für Flüchtlinge und Migranten werden Uganda und Ruanda von den Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde in Gesprächen mit den Flüchtlingen genannt. Zudem ist die Hilfsorganisation mit einigen Flüchtlinge in Kontakt, die seit 2014 freiwillig ausgereist sind – und die wurden nach Ruanda und Uganda geflogen, erzählt die Sprecherin Dror Sadot. "Es muss also irgendeine Form von Abkommen geben", sagt Sadot. Auch wenn Ruanda und Uganda das offiziell leugnen. "Das Problem ist, dass die Flüchtlinge trotz eines solchen Abkommens keine Arbeitsgenehmigung erhalten, sie bekommen auch keinen Flüchtlingsstatus, sie haben dort überhaupt keinen Status. Es sind keine sicheren Orte."