Der Vorfall liegt schon mehr als zwei Wochen zurück, aber er beschäftigt Israels Militär noch immer. Am 10. Februar schickte der Iran eine Drohne in israelisches Hoheitsgebiet. Warum? Das ist bis heute nicht klar. Wie wichtig die Antwort auf diese Frage für Israel ist, macht Israels Luftwaffenchef Tomer Bar deutlich: "Wir müssen diese Mission begreifen. Und wir werden es herausfinden."

Was bezweckte der Iran? Wollte er die israelische Luftabwehr testen? Prüfen, wie Israel reagieren würde? Letzteres erfuhr die Regierung in Teheran jedenfalls prompt: Die israelische Luftwaffe zerstörte nicht nur die Drohne selbst, sondern auch die iranische Basis in Syrien, von der das Fluggerät gestartet war, und vernichtete zusätzlich mindestens ein Drittel, möglicherweise sogar die Hälfte der syrischen Luftabwehr. Selbst wenn Israel dabei einen Kampfjet verlor und im Propagandakrieg eine klare Niederlage einfuhr – militärisch war das ein deutliches Signal: Wir sind zu allem bereit, und wir sind zu allem fähig.

Jener Morgen bestätigte die Israelis einmal mehr in ihrer Überzeugung, dass es keine Frage mehr sei, ob es Krieg mit dem Iran geben werde, sondern nur noch wann. Seit Jahren warnt die israelische Regierung vor der raschen und bedrohlichen Ausbreitung des iranischen Einflusses im Nahen Osten. Der "schiitische Halbmond", der inzwischen vom Libanon über Syrien und dem Irak nach Teheran reicht, ist nicht nur der persönliche Albtraum von Israels Premier Benjamin Netanjahu, sondern ein Fakt. 

Gefährliche iranische Expansion

Das 2015 mit Teheran abgeschlossene Atomabkommen, das Netanjahu stets ein Dorn im Auge war, ist aus seiner Sicht mitverantwortlich für die immer schnellere Ausbreitung des iranischen Machtbereichs im Nahen Osten. Die iranische Regierung setzt die zuvor eingefrorenen Gelder, die jetzt wieder freigegeben wurden, zur Unterstützung ihrer Stellvertreter anderswo ein und finanziert so das Raketenprogramm – was US-Präsident Trump inzwischen zum Anlass nimmt, das Atomabkommen infrage zu stellen. 

Israelische und westliche Geheimdienste deckten in den letzten Monaten iranischen Aktivitäten in Syrien und im Libanon auf, die Anlass zur Sorge geben. Da ist nicht nur die libanesisch-schiitische Hisbollah-Miliz, gegen die Israel zuletzt 2006 Krieg geführt hat, und die in Syrien an der Seite Assads kämpft. Inzwischen bereitet der Iran den Aufbau von Waffenfabriken im Libanon und in Syrien vor, und es gibt iranische Militärlager in Syrien. Mehrere Hundert Mitglieder seiner Al-Kuds-Einheiten trainieren im Bürgerkriegsgebiet rund 15.000 Milizionäre, die vorwiegend aus Afghanistan, Pakistan, Libanon und dem Irak stammen. Sie kämpfen ebenfalls an der Seite von Präsident Assad, sollen nun aber als neue iranische Speerspitze gegen Israel dienen und in Syrien bleiben, wenn die rund 6.000 Hisbollah-Kämpfer wieder heimgekehrt sind in den Libanon.

Einsätze gegen die Hisbollah

Israel versuchte in den vergangenen Jahren, die neue Gefahr für seine Nordgrenze einzudämmen, ohne in den Bürgerkrieg hineingezogen zu werden. Mehr als hundert Einsätze flogen israelische Kampfjets, um Waffenlieferungen an die Hisbollah zu stoppen, insbesondere sogenannte "intelligente" Waffensysteme, die die militärische Überlegenheit Israels unterminieren könnten. Schon jetzt verfügt die Schiitenmiliz über rund 120.000 Raketen, die jedes Ziel im jüdischen Staat erreichen könnten. 

Israelische Militärkreise sprechen vom drohenden nächsten Krieg ganz selbstverständlich als "erster Nordkrieg", denn zum ersten Mal dürfte das Land eine Front mit Libanon und Syrien zugleich haben. Trotz erstklassiger Raketenabwehrsysteme wären dann mit täglich 400 bis 1.000 Raketeneinschlägen auf israelischem Territorium zu rechnen, befürchten israelische Sicherheitsexperten. Das hieße, Israels Air Force müsste in kürzester Zeit Hunderte, ja Tausende Ziele in den beiden Nachbarländern bombardieren.

Sie träfe wohl unvermeidlich auch die Wohnhäuser der Zivilbevölkerung, denn die Raketenstützpunkte der Hisbollah befinden sich meist in deren Nähe. Weil Israel auf dem Schlachtfeld nicht zu schlagen ist, legt es die Miliz darauf an, dass die israelischen Angriffe möglichst viele Zivilisten treffen – so kann sie den Krieg zumindest in den Köpfen der Menschen in der muslimischen und westlichen Welt gewinnen. Je höher die Zahl der Zivilopfer im Libanon sein wird, desto schneller wird die internationale Staatengemeinschaft protestieren und Israel zwingen, seine Angriffe einzustellen: So lautet das zynische, aber berechtigte Kalkül der Hisbollah.

Israel wiederum sieht sich deshalb gezwungen, "in den ersten Tagen und Wochen des Krieges mit aller Macht zuzuschlagen, um unser Ziel zu erreichen", wie Generalstabschef Gadi Eizenkot erklärt. Er befehligte 2006 die israelischen Truppen an der libanesischen Front und entwickelte später die sogenannte Dahya-Doktrin, benannt nach dem Stadtteil in Beirut, in dem sich das Hauptquartier der Hisbollah befand, das Israel damals in Schutt und Asche bombardierte. Dahya könnte bald überall sein.

Furcht vor Präventivschlag

Jerusalem weiß, wie katastrophal ein solcher Krieg werden könnte – und dennoch ist zu befürchten, dass Israel irgendwann mit einem Präventivschlag versuchen könnte, die eigene Heimatfront so gut wie möglich zu schützen. Denn im syrischen Bürgerkrieg hat sich das Blatt ganz offensichtlich zugunsten Präsident Assads gewendet und damit auch zum Iran, dessen Vasallen sich allmählich auf Israel konzentrieren können. Und die Russen in Syrien gebieten Iran keinen Einhalt. Doch selbst wenn ein Präventivschlag das gelänge: Damit allein würde man die Mullahs von Teheran auf Dauer jedoch nicht in ihre Schranken weisen können, denn der Iran selbst bliebe vom Krieg in Libanon und Syrien unberührt. Hier beginnt Israels strategisches Dilemma. 

Ely Karmon vom Institut für Terrorbekämpfung am renommierten Interdisciplinary Center Herzliya ist nicht der einzige Politikwissenschaftler, der deshalb eine radikalere Strategie fordert. Israel sollte im Kriegsfall auch iranische Städte bombardieren, sagt er. Selbst Teheran sollte seiner Ansicht nach nicht verschont bleiben, damit die Mullahs dort begreifen, dass auch sie einen Preis für ihre Raketen aus dem Libanon bezahlen werden. Nur so könne man eventuell einen Krieg vermeiden.

Israels Premier Netanjahu scheint sich mit dieser neuen Doktrin angefreundet zu haben. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte er einer irritierten Weltgemeinschaft, man werde "nicht nur gegen die iranischen Stellvertreter vorgehen, sondern gegen den Iran selbst".

Wie ernst er das wirklich gemeint hat, ist schwer einzuschätzen. Gegen den israelischen Premier laufen Untersuchungen wegen Korruption, da könnten markige Worte auch dazu dienen, sein ramponiertes Image daheim etwas aufzupolieren. Zum Glück herrscht für den Augenblick Ruhe an der Nordfront. Seit dem ersten direkten militärischen Aufeinandertreffen zwischen Iran und Israel Anfang Februar, seit der israelischen Reaktion auf die iranische Drohne, kam es zu keinen neuen Kampfhandlungen. Denn noch will niemand diesen Krieg. Aber, wie gesagt: Es scheint keine Frage, ob er kommt. Sondern wann