Vom "langweiligsten Wahlkampf" jemals war in Italien bis vor wenigen Tagen noch die Rede, von einem Wahlkampf, der unter den Bürgern kein Interesse wecke. Doch das hat sich jetzt mit einem Schlag geändert – leider nicht zum Guten. Auf einmal, so scheint es, ist ein Thema da, das die Wähler aufbringt: Immigration und Innere Sicherheit. Auslöser war die Gewalttat in Macerata am letzten Samstag, einem 40.000-Einwohner-Städtchen in der an der Adria gelegenen Region Marken.

Vormittags um elf hatte sich der 28-jährige Luca Traini in seinem schwarzen Alfa Romeo auf den Weg in Richtung Zentrum gemacht, und in der darauf folgenden Stunde schoss er mit einer Pistole immer wieder aus seinem Wagenfenster. Sein Ziel: Afrikaner. Am Ende gab es sechs Verletzte, keiner von ihnen in Lebensgefahr. Außerdem schlug ein Projektil in einem Büro der gemäßigt linken Partito Democratico (PD) ein, die mit Paolo Gentiloni in Rom den scheidenden Ministerpräsidenten stellt.

An seinen Motiven ließ Traini keine Zweifel. Am Ende seiner Tour baute er sich vor dem Kriegsgefallenendenkmal der Stadt auf, die italienische Trikolore über den Schultern, er reckte den rechten Arm zum faschistischen sogenannten Römischen Gruß und brüllte "Italien den Italienern!" Anschließend ließ er sich widerstandslos festnehmen. In der Polizeivernehmung gab er  an, er habe den wenige Tage zuvor in Macerata geschehenen Mord an einem 18-jährigen Mädchen rächen wollen, dessen ein nigerianischer Drogendealer verdächtig ist, er habe "alle Schwarzen töten" wollen.

Schuld haben die Linken, sagt die Lega Nord

In den Wahlkampfzeiten erhält diese Tat zusätzliche Brisanz dadurch, dass Traini in der rechtspopulistischen Lega Nord aktiv war und für die Partei im Juni 2017 für den Gemeinderat des Dorfs Corridonia vor den Toren Maceratas kandidierte. Die Lega Nord ist einer der Pfeiler der Rechtsallianz, die Ex-Premier Silvio Berlusconi um sich versammelt hat. Und sie ist eine Partei, die unter ihrem seit Ende 2013 amtierenden Chef Matteo Salvini die bisher vor allem gepflegte Vertretung der Interessen des reichen Norditaliens gegen den Süden des Landes beiseitegelegt hat.

Er tat dies zugunsten einer aggressiven Italien-zuerst-Rhetorik, die sich in Anlehnung an Marine Le Pens Front National gegen die EU, gegen den Euro, vor allem aber gegen Immigranten richtet. In den Meinungsumfragen beschert diese Linie der Lega mittlerweile rund 12 bis 13 Prozent.

Salvini jedoch sah sich durch den sechsfachen Mordversuch seines Parteigängers, in dessen Wohnung auch Hitlers Mein Kampf sichergestellt wurde, keineswegs in Verlegenheit gebracht. Im Gegenteil: der Lega-Chef ging in die Offensive. "Alle – und ich vorneweg – verurteilen diese Episode der Gewalttätigkeit", erklärte er in einem Interview mit der Tageszeitung Corriere della Sera, ergänzte aber umgehend, "diese und andere Episoden" müsse man "in Verbindung mit den von der Immigration angerichteten Schäden bringen". "Es ist eine Tatsache, dass die außer Kontrolle geratene Immigration Wut und gesellschaftliche Zusammenstöße mit sich bringt."

Die wahren Schuldigen für den faschistisch inspirierten Rachefeldzug von Macerata machte er in der Linken aus, bei der in Rom bisher regierenden PD: "Die moralische Verantwortung für jedwede Gewalttat, die sich in Italien ereignet, haben die, die das Land mit illegalen Einwanderern gefüllt haben."