Das südafrikanische Parlament hat für die Enteignung von Landbesitzerinnen und Landbesitzern gestimmt. Die Eigentümerinnen und Eigentümer bekämen keine Entschädigung. Nach Ansicht der Abgeordneten ist diese radikale Reform notwendig, um die soziale Ungerechtigkeit, verursacht durch Kolonialismus und Apartheid, auszugleichen. Nachdem ein entsprechender Antrag mit 241 gegen 83 Stimmen am Dienstagabend angenommen wurde, soll nun eine Verfassungsänderung geprüft werden.

"Die Zeit für Versöhnung ist vorbei. Jetzt ist die Zeit für Gerechtigkeit gekommen", sagte Julius Malema, Anführer der der linksradikalen Partei Kämpfer für wirtschaftliche Freiheit (Economic Freedom Fighters, EFF). Der Oppositionspolitiker hatte den Antrag zur Landbeschlagnahmung eingebracht. Die meisten der Betroffenen Landbesitzer wären weiße Nachfahren der Kolonialisten. Im Parlament in Kapstadt bezeichnete er die niederländischen Kolonialherren als "Kriminelle, die uns das Land wegnahmen". Später hätten deren Nachfahren während der Apartheid die schwarze Bevölkerung in "Gefängnislager, die wir heute Townships nennen", verbannt, so Malema. 

Überwiegende Unterstützung erhielt der Antrag vom regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC). Dieser hatte bereits bei seinem Parteitag vergangenen Dezember eine radikalere Herangehensweise bei der heiklen Landfrage angekündigt. Die Opposition hingegen unterstellte dem ANC am Dienstag "populistische Rhetorik", die über das bisherige Scheitern der Freiheitsbewegung hinwegtäuschen solle. 

Ein Parlamentskomitee soll nun bis 30. August eine Verfassungsänderung prüfen. Kritiker fürchten, dass Südafrika denselben entwicklungspolitischen Weg gehen könnte wie das Nachbarland Simbabwe. Dort führten gewalttätige Landenteignungen ab dem Jahr 2000 zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft und der Ernährungssicherheit. Südafrikas neuer Präsident Cyril Ramaphosa beschwichtigte vor zwei Wochen bei seiner Antrittsrede: "Landenteignungen werden nur auf eine Weise durchgeführt, die die Agrarproduktion und die Ernährungssicherheit verbessern." 

Südafrika gilt als das Land mit der ungerechtesten Einkommensverteilung der Welt. In dem Vielvölkerstaat, der 1994 die Demokratie erlangte, leben nach offizieller Statistik 55 Prozent in Armut.